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„Hillbilly Elegy“ auf Netflix : Duell der ewig Oscarnominierten

Auge in Auge, gleich geht das Gefuchtel los: Glenn Close (links) und Amy Adams schenken sich als Mutter und Tochter nichts. Bild: Netflix

Die Verfilmung der „Hillbilly Elegy“ zeigt etwas überdramatisiert, dass der amerikanische Traum ein Monopoly-Spiel ist. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Wer bekommt den nächsten Oscar, Amy Adams oder Glenn Close?

          3 Min.

          Der junge J.D. (Gabriel Basso) ist gerade auf der Überholspur: Nach vier Jahren bei den Marines studiert er nun an der Yale Law School. Sein Stipendium wird zwar etwas gekürzt, aber seine Chancen auf einen lukrativen Sommerjob stehen gut. Seine Freundin Usha (Freida Pinto) unterstützt ihn, was er gut brauchen kann, denn als Kind aus einfachen Verhältnissen ist er etwas unsicher angesichts der elitären Umgebung. Die Bewerbungsgespräche stehen kurz bevor. Dann reißt ihn ein Anruf jäh heraus: Seine Mutter (Amy Adams) nimmt wieder Drogen, hat sich eine Überdosis Heroin gespritzt und liegt im Krankenhaus. Seine Schwester fleht ihn an, nach Ohio zu kommen. J.D. setzt sich ins Auto und fährt los. Er hat nur einen Tag Zeit für diesen Ausflug an den Ort seiner schwierigen Kindheit. Ein Tag, an dem der Zuschauer ihn begleitet.

          An diesem Tag mit zahlreichen Rückblenden kommt alles zusammen, was die Drehbuchautorin Vanessa Taylor aus der Vorlage des echten J.D. Vance für die Verfilmung gezogen hat. Aus seiner „Hillbilly Elegy“ von 2016, halb autobiographischer Roman, halb erzählendes Sachbuch über Familien der weißen Unterschicht in der Provinz, hat sie eine Art Novelle gemacht. Einerseits gehört das zu den besten Ideen des Films, weil dieser Tag exemplarisch für das Dilemma des jungen Mannes steht, der zwar stolz zu seinen Wurzeln in der Arbeiterklasse steht, sich aber auch von ihnen eingeschränkt fühlt. Andererseits verdichten die Erinnerungen an seine Kindheit sich mit der aktuellen Notlage seiner Mutter zu einer etwas übermäßigen Ansammlung von Drama, Geschrei und Gefuchtel. Regisseur Ron Howard schätzt Action, das merkt man auch hier, wenn Amy Adams sich als drogensüchtige Mutter mit blutendem Handgelenk in den Bordstein werfen muss, um von Polizisten weggetragen zu werden.

          Der Ruhepol des Films ist die Hauptfigur selbst. Gabriel Basso spielt J.D. als loyalen Sohn und Bruder, aber auch als selbständigen Mann mit eigenen Zielen und Plänen. Ein bisschen blass bleibt er trotzdem, nicht nur wegen Amy Adams, sondern auch wegen Glenn Close als Großmutter. Bei ihr ist der Junge aufgewachsen, als er die ständigen Männerwechsel seiner Mutter satthatte. Sie hat ihn gelehrt, Verantwortung zu übernehmen und falsche Freunde zu meiden. Aber wer sich jetzt eine süße, zarte Oma vorstellt, irrt: „Mamaw“, wie J.D. sie nennt, ist ein ziemliches Flintenweib. Sie bietet ihrer Tochter lautstark die Stirn und hält stets eine brennende Zigarette in der Hand. Sie und alle anderen Figuren ähneln J.D.s echter Familie auch äußerlich stark, wie Fotos im Abspann zeigen. Das wäre zwar im Grunde nicht nötig gewesen, entspricht aber der amerikanischen Vorstellung davon, wie man eine Biographie zu verfilmen hat.

          Die Politik bleibt außen vor

          Glenn Close und Amy Adams liefern sich in diesen Rollen ein Duell um die bessere Charakterdarstellung. Es ist klar, was sie treibt: Beide wollen endlich einen Oscar. Glenn Close hält mit sieben Nominierungen den Rekord als hoffnungsvolle, doch nie preisgekrönte Aspirantin; Amy Adams folgt ihr auf dem Fuße mit sechs Nominierungen. „Hillbilly Elegy“ bietet ihnen die richtigen Rollen dafür – die Academy hat eine Schwäche für Filme, in denen elegante Schauspielerinnen möglichst hässlich zurechtgemacht und fertig aussehend die Unterschicht porträtieren. So bekam unter anderem Charlize Theron ihren Oscar für „Monster“. Dass das Kinojahr weitgehend ausfällt und die meisten Filme direkt auf Fernsehern gesehen werden statt auf Leinwänden, spielt Close und Adams in die Karten: Für „Hillbilly Elegy“ braucht es im Gegensatz zu manch anderen Filmen, die auf den Oscar schielen, keine avancierte Technik oder riesige Leinwand.

          Der Darstellerwettstreit dieser beiden ist unterm Strich eher ein Ärgernis als ein Grund, den Film anzuschauen. Und noch in einer anderen Hinsicht enttäuscht er: Man erhofft sich doch ein bisschen Wissen darüber, wie diese weiße Unterschicht tickt, die Trump gewählt hat und jetzt irgendwie mitgenommen werden muss. Aber die Verfilmung lässt hier bewusst nur Leerstellen. Das Politischste ist noch die kurze Diskussion darüber, dass J.D.s Mutter keine Krankenversicherung mehr hat, aber das stellt sich als ihre eigene Entscheidung heraus. Während das Buch ein ganzes Milieu zu porträtieren versuchte, geht es hier wirklich nur um eine Familie, und wie exemplarisch sie für andere stehen soll, kann man nur vermuten.

          Eindeutig zu verallgemeinern sind die Schwierigkeiten von J.D. als gesellschaftlichem Aufsteiger. Das ist die Qualität des Films. Er zeigt den amerikanischen Traum nicht als Weg, der halbwegs stetig aufwärts führt, sondern als Monopoly-Partie, in der eine einzige falsche Ereigniskarte den Spieler alles kosten kann, weil ihm die finanziellen Rücklagen, die Verbindungen und womöglich auch die tatkräftige Unterstützung seiner Familie fehlen. Und er zeigt den inneren Bruch, der entstehen kann, wenn man in zwei Welten klarkommen muss.

          Hillbilly Elegy ist auf Netflix abrufbar.

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