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ZDF-Film „Du sollst hören“ : Wer nicht hören kann, muss fühlen

Simon (Benjamin Piwko) spricht Conny (Anne Zander) Mut zu. Bild: ZDF

Der Film „Du sollst hören“ will Verständnis für das Leben tauber Menschen vermitteln, gibt ihnen aber wenig Raum und interessiert sich mehr für seine Botschaft als für seine Figuren.

          3 Min.

          Es ist ein komplizierter Fall. Eine Richterin soll darüber entscheiden, ob in einer Familie, in der Eltern und Kinder taub sind, eine „Kindswohlgefährdung“ vorliegt, weil die Eltern sich gegen ein Cochlea-Implantat für ihre junge Tochter entscheiden, das ihr das Hören ermöglichen könnte. Und immer, wenn es im deutschen Fernsehen kompliziert wird, wird es – kompliziert. Die Regisseurin Petra K. Wagner lässt ihren Film „Du sollst hören“ mit jener Gerichtsszene beginnen, mit der er auch endet. Mutter Conny (Anne Zander) und Vater Simon Ebert (Benjamin Piwko) lehnen die Operation, durch die Tochter Mila Hören und Sprechen – im Sinne nicht tauber Menschen – lernen könnte, ab. So steht die Frage im Raum, mit deren Beantwortung der Film ein besseres Verständnis für taube Menschen, einen „Perspektivwechsel“ wie es heißt, erreichen will: Warum nicht?

          Ist das Wohl des Kindes gefährdet?

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der behandelnde Arzt, Prof. Dr. Theo Rotschild (Kai Wiesinger), hat den Fall beim Jugendamt gemeldet, nachdem Conny Ebert sich in seiner Sprechstunde gegen das Implantat ausgesprochen hat. Richterin Jolanda Helbig (Claudia Michelsen) soll beurteilen, ob das Wohl von Mila gefährdet ist, wenn alles bleibt, wie es ist, wenn sie weiterhin „nur“ Gebärdensprache spricht.

          Der Apple-Film „Coda“ (2021), der sich um die Beziehung zwischen einem Mädchen, das hören kann, und seiner tauben Familie dreht, machte unlängst vor, wie man sich diesem Thema mit Humor und Gefühl nähern kann. Er zeigte, dass ein Leben, in dem der Ton fehlt, nicht zwangsläufig von einem Mangel beherrscht wird. Er zeigt Menschen, bei denen das Gehör nicht so funktioniert wie bei den meisten anderen, nicht als Opfer – ohne das allerdings auszubuchstabieren.

          Werden vor dem Gerichtsgebäude von Demonstranten unterstützt: Simon Ebert (Benjamin Piwko, 2. v. l.), Conny Ebert (Anne Zander, M.), Mila Ebert (Delia Pfeffer, l.), Jette Blankenburg (Laura Lippmann, 2. v.r.) und Mats Ebert (Leif-Eric Werk, r.).
          Werden vor dem Gerichtsgebäude von Demonstranten unterstützt: Simon Ebert (Benjamin Piwko, 2. v. l.), Conny Ebert (Anne Zander, M.), Mila Ebert (Delia Pfeffer, l.), Jette Blankenburg (Laura Lippmann, 2. v.r.) und Mats Ebert (Leif-Eric Werk, r.). : Bild: ZDF

          In „Du sollst hören“ soll uns alles betroffen machen: die zerknirschten Mienen aller Beteiligten – vor allem die der Richterin, deren eigene Leidensgeschichte die der Familie Ebert bald völlig verdrängt – ebenso wie komplizierte Alltagssituationen, wenn etwa die Polizei bei einem Verkehrsunfall die Unschuld des „nuschelnden“ (so steht es auch im Untertitel) Vaters nicht erkennt oder Sohn Mats wie aus dem Nichts von Rowdy-Kindern gehänselt wird.

          Als Gegengewicht zur Opferdarstellung der Familie Ebert dient (als wären wir zurück in den Achtzigern) das „Judokan“-Dojo, in das sich Vater Simon zurückzieht, um seinen Frust in einer Kata-Soloübung zu kanalisieren und später – was man halt so macht – Betonplatten mit dem Ellenbogen zu zertrümmern. Doch die Eberts sind dazu verdammt, Opfer zu bleiben, denn sie müssen ja zur nicht sehr überraschenden These des Films passen, dass auch taube Menschen zu einer diskriminierten Minderheit gehören. Conny wird es dann auch fast so in den Mund gelegt: Für die Wirtschaft sei das Cochlea-Implantat ein großer Profit – „für uns nicht. Das ist diskriminierend“, sagt sie.

          Hat ihre eigenen Probleme: Claudia Michelsen spielt die Richterin Jolanda Helbig.
          Hat ihre eigenen Probleme: Claudia Michelsen spielt die Richterin Jolanda Helbig. : Bild: ZDF

          Die These des Films, dass taube Menschen – den Begriff „gehörlos“ soll man laut Film vermeiden – in der Gesellschaft wenig gesehen und selten integriert werden, ist nicht falsch. Umso mehr hätte es uns interessiert, vom Leben einer tauben Familie zu erfahren. Doch wir sehen sie fast überwiegend in Problemsituationen und erfahren auch nicht viel über die Motive, die Mutter Conny dazu bewegen, sich gegen die Operation zu entscheiden. Gesundheitliche Risiken werden angegeben, doch ansonsten wirkt ihre Position so: Warum sollen wir uns ändern, soll es doch die Gesellschaft tun. Das sollen Menschen wie Conny mit Recht äußern und fordern dürfen. Trotzdem lernt man wenig über den Hintergrund dieser Entscheidung, die für Mila folgenreich ist. Auch darüber, wie eine Welt, die taube Menschen nicht diskriminiert, sein sollte, erfahren wir wenig. Außer, dass Gebärdensprache im Alltag präsenter werden muss.

          Lehrfilm und Melodram

          Wir erfahren vor allem deshalb so wenig, weil dieser Lehrfilm Richtung Melodram abbiegt und sich im letzten Drittel viel mehr für Richterin Helbing interessiert, die den Tod ihres Sohnes, den sie ausgerechnet mit Prof. Dr. Rotschild hatte, nicht verarbeitet und davon auch ihrem neuen Freund Jonas (Jan Krauter) nichts erzählt hat. Damit gehen die letzten 25 Minuten des Films ins Land, bevor Helbing die Abschlussrede über Inklusion als „Basis einer humanen Gesellschaft“ hält.

          In einem vom ZDF bereitgestellten Interview mit der Produzentin Simone Höller und der Producerin Anemone Krüzner erzählen die beiden, wie herausfordernd es für das Team war, mit tauben Schauspielern zu drehen. Auch bereichernd sei es gewesen. Es gab Learnings und ein „Feeling of Sameness“. Dass es ein großer Kraftakt ist, einen Film gewissermaßen zweisprachig mitsamt Gebärdendolmetschern, Kommunikationsassistentinnen und Supervisoren zu drehen, glaubt man sofort. In puncto Inklusion (farbige oder animiert bildfüllende Untertitel ermöglichten uns die Sichtung ganz ohne Ton) und Abwägung des Für und Wider eines Cochlea-Eingriffs will der Film alles richtig machen. Die Schwächen in Buch und Bild sind jedoch unverkennbar. Wenn Claudia Michelsen mit ernster Miene durch Köln schreitet – das tut sie sehr oft –, scheint sie gegen Wind und Wetter imprägniert: Läuft sie gedankenverloren durch den Wasserstreif eines Rasensprengers, wird sie nicht nass, ebenso wenig kann ihr Regen etwas anhaben. Kontinuitätsfehler – Weinglas erst am Glas, dann plötzlich am Stiel gehalten – fallen zwar auf, ließen sich aber verschmerzen, wenn wenigstens die Szenen relevant wären.

          Aus einem wichtigen und „gut gemeinten“ Anliegen hat das ZDF eine Mischung aus „Schöner Wohnen“ und Schulfernsehen gemacht, die sich nicht für die Betroffenen, sondern für die politische Botschaft interessiert. Eine Dokumentation über die Produktion des Films wäre vermutlich nicht nur interessanter, sondern im Sinne des „show don’t tell“ besser gewesen.

          Du sollst hören läuft heute 20.15 Uhr im ZDF.

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