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Frankreichs Rundfunk : Du bist nicht allein

Kämpft gegen die Übervölkerung durch alte, „weiße Männer“ in ihrer Redaktion: die Senderchefin von France Télévisons, Delphine Ernotte Bild: AFP

Geld soll gespart und die Sender sowie deren Programme von Grund auf reformiert werden: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Frankreichs steht kurz vor dem „Big Bang“

          „Du bist nicht mehr allein“, rief Kulturministerin Françoise Nyssen der Senderchefin von France Télévisons, Delphine Ernotte, bei der Pressekonferenz zu. Nyssen meinte den Kampf gegen die „mehr als fünfzigjährigen weißen Männer“, den Ernotte in ihren Redaktionen aufgenommen hat. Tatsächlich waren die öffentlich-rechtlichen Medien lange eine Domäne der Männer, die manchmal auch durchaus siebzig sein konnten. Emmanuel Macron hat den Begriff des „weißen Mannes“, der nicht freiwillig auf seine Privilegien und Macht verzichtet, jüngst in seiner Rede über die Lage in den Banlieues und die dort herrschende Diskriminierung gebraucht. Jetzt muss das Feindbild auch für die Reform der öffentlich-rechtlichen Sender herhalten. Der Präsident begann damit, dass er sie als „Schande der Republik“ titulierte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Verunsicherung in den Redaktionen wurde mit einer gezielten Indiskretion weiter geschürt: „Le Monde“ berichtete, es sei ein massiver Abbau geplant. Auf ihrer Pressekonferenz im Ministerium vor ein paar Tage präzisierte Françoise Nyssen, die unter massivem Druck der Politik steht und von der Kulturszene kritisiert, ja abgelehnt wird, ihre Vorstellungen. Sie gehen weit und sie entsprechen, daran ließ die Ministerin keinen Zweifel, den Vorstellungen Emmanuel Macrons. Generell wird dem „Fernsehen à la Papa“ – der „télévision de papa“ – der Kampf angesagt. Ob die „Hausfrauen unter fünfzig“, die seit Jahrzehnten die Hauptzielgruppe der Fernsehwerbung sind, das Programm gar nicht mehr sehen oder nicht mehr vorkommen?

          Die Jungend scheint für das Fernsehen verloren

          Die Digitalisierung soll massiv vorangetrieben werden. Dass man dieser Strategie des Generationenwechsels ausgerechnet das Jugendprogramm France 4 opfern will, ist durchaus logisch: Seine Einschaltquoten sind vertraulich. Die Jungen scheinen für das Fernsehen am heimischen Bildschirm verloren. Ersetzen will man den Kanal France 4 durch ein Internetportal für Jugendliche und ohne Werbung. Auch die Übersee-Programme „France Ô“ werden abgeschafft. Mit den beiden Maßnahmen kann man schon einmal vierzig und zwanzig Millionen Euro einsparen. Frankreich lässt sich seine öffentlich-rechtlichen Institutionen – Arte und das Archiv INA inbegriffen – jährlich vier Milliarden Euro kosten. Die Gebühren werden gegenwärtig mit der Wohnsteuer „Taxe d‘habitation“ eingezogen, deren Abschaffung Macron versprochen hat. Wie man sie in Zukunft kassieren will, steht noch nicht fest. Jedenfalls werden sie eher verbilligt als teurer.

          Dass im Medienhaushalt 500 Millionen Euro gestrichen würden, sei eine Falschmeldung der Presse, erklärte Ministerin Nyssen indes. Sie nannte aber keine anderen Zahlen. Die sollen erst nach den Sommerferien bekannt gegeben werden. „Unsere Vorgänger haben die Debatten immer mit den Fragen der Organisation, den Namen der Chefs und der Finanzierung begonnen. Uns geht es um die Veränderung des Angebots“, die Programme also.

          France 3 wird auf seine regionale Dimension beschränkt und soll das lokale Angebot verdreifachen. Noch macht der Sender eine nationale Nachrichtensendung und viele Magazine. Wahrscheinlich kommt es zur Fusion mit den Redaktionen des Rundfunks. Gemeinsam werden alle öffentlich-rechtlichen Sender ein Kultur-Portal aufbauen. France 2, 3 und 5 bekommen einen gemeinsamen Intendanten, ihre jetzigen Senderchefs werden für die zusammengelegten Ressorts Dokumentarfilme, Magazine und Jugendprogramme verantwortliche Superressortleiter.

          Das alles sieht nach einem Big Bang aus und erscheint zum Teil als durchaus sinnvoll. Die öffentlichen Sender leiden an einer exzessiven Hierarchisierung und Bürokratisierung, die der Produktivität hinderlich sind und enorm viel kosten. Flachere Strukturen sind wünschenswert. Aber letztlich geht es um die politische Unabhängigkeit der Information, um die Qualität der einzelnen Sendungen und den Programmauftrag. Fußball gibt es kaum mehr zu sehen – aber noch immer viele Produktionen, die man genauso gut den Privaten überlassen könnte. Dazu braucht es auch den Mut zu geringeren Zuschauerzahlen.

          Die Ankündigungen der Ministerin Anfang des Monats sollten – im Einklang mit Macrons Strategie – den Redaktionen und Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedeuten, dass sie sich warm anziehen müssen und eine Reform ansteht, die diesen Namen auch verdient. Dass die Betroffenen zunächst mit Panik reagieren, ist nachvollziehbar. Bis Mitte Juli soll es in der Sache Konsultationen zwischen Senderverantwortlichen und der Regierung geben. 2019 soll das neues Rundfunkgesetz, das die Aufstellung der Sender regelt, im Parlament verabschiedet werden. „Eine total verriegelte Kommunikation“, kommentierte „Le Parisien“ die Inszenierung zum Auftakt. Als die Fragen der Reporter anstanden, war Françoise Nyssen schon weg. Zumindest für ein Gruppenbild der Ministerin mit den Senderchefs aller öffentlich-rechtlichen Medienanstalten hatte die Zeit gereicht. Auf ihm sind fünf Frauen und zwei Männer zu sehen.

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