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Dschungelcamp-Tagebuch : Nackt auf der Metaebene

  • -Aktualisiert am

Augen auf bei der Dschungelwahl: Rolf Scheider schaut lieber nicht zu Bild: RTL

Bei „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ steigt das Niveau ins Unermessliche: Mit Selbstreflexion und Ironie werden die Mechanismen der Sendung penibel durchleuchtet und eingeordnet.

          Zur Not, wenn sich so gar kein Drama einstellen will, helfen immer noch die alten Psycho-Tricks. Und so mussten die Kandidaten des Dschungelcamps in dieser Woche, nach Tagen lähmender Ereignislosigkeit, ein Spiel spielen, das grausamer ist als die ekligste Dschungelprüfung: Sie sollten sich nach Fleiß, Bekanntheit und Attraktivität sortieren. Wie erhofft, taten sich Abgründe auf zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung, und beim Versuch, die eigene Position in der Rangordnung zu behaupten, blieben auch Restbestände von Takt im Umgang mit den Gefühlen anderer auf der Strecke.

          Es war ein psychologisches Gemetzel. Fassungslos musste Angelina, deren Bekanntheit auf ihrer Teilnahme an der RTL-Show „The Bachelor“ beruht, zur Kenntnis nehmen, dass ihre Mitkandidaten sie für nicht so bekannt hielten, obwohl sie doch fast eine Million Facebook-Freunde hat. Der alternde Teleshopping-Moderator Walter Freiwald fand es unbegreiflich, dass er in Sachen Attraktivität am Ende der Kette landete. Und so recht Maren Gilzer womöglich damit hatte, darauf hinzuweisen, dass sie 15 Jahre bei einer ARD-Krankenhausserie mit sechs Millionen Zuschauern mitgespielt hatte, so bestürzend war es zu erleben, mit welchem Nachdruck sie diese Tatsache glaubte betonen zu müssen. Mehrere Kandidaten beklagten sich hinterher über das grausame Spiel, das Verletzungen hinterließ. Das gehört natürlich zum zynischen Kalkül der RTL-Show – und zu ihrem Reiz: Sie legt Sollbruchstellen zwischen Selbstbild und öffentlichem Image der Teilnehmer schonungslos offen.

          Konstante Muster

          Das Dschungelcamp war immer schon die selbstbezüglichste Show im deutschen Privatfernsehen. Die Moderatoren machten sich nicht nur über die Kandidaten lustig, sondern auch über sich selbst, über den Sender, über die Rezeption der Sendung. Mit fortschreitender Dauer spielen diese Selbstreflexionen eine immer größere Rolle. Das Publikum vergleicht die Kandidaten mit den Kandidaten der Vorjahre, sucht und findet Muster und vermutet sogar, dass auch die Teilnehmer die Vorgänger kennen und deren Verhaltensmuster, womöglich gezielt, kopieren. Die Kandidaten überlegen nicht nur, wie sie sich am besten verhalten, sie unterhalten sich darüber, was die Fernsehleute wohl daraus machen. Und was das Fernsehen daraus macht, ist dann vor allem dies: zu zeigen, wie die Kandidaten überlegen, was das Fernsehen aus ihrem Verhalten macht.

          Die ganzen Mechanismen dieser Show sind inzwischen so bekannt und vertraut, dass die eingebauten Reflexionsschleifen sie auf immer schwindelerregendere Metaebenen hebt. Längst fallen die letzten Tabus – nichts Sexuelles oder Privates, sondern die Umstände der Show liegen offen. Am Donnerstag unterhielt sich die Gruppe über die Honorare. Sie diskutierten, für wie realistisch sie die Beträge gehalten hatten, die vorab in der Presse zu lesen gewesen waren. Aus den verschiedenen Einschätzungen hätten sie ganz gut ableiten können, wer tatsächlich wie viel Geld bekommt.

          Patricia Blanco, die Tochter von Roberto Blanco, musste auf diese Weise im Dschungel erfahren, dass die Auskunft, die sie von RTL bei den Honorarverhandlungen erhalten haben will, dass alle dieselbe Summe bekämen, wohl nicht zutrifft – und alle anderen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, dass sie keinen Manager hat, der so was für sie verhandelt, weil man sonst übel über den Tisch gezogen wird, zum Beispiel von RTL. Und RTL strahlt das aus und gewährt einen kleinen, aber ungeahnten Blick hinter die Kulissen einer solchen Show, im Dienst der Unterhaltung auf der Metaebene. Bald ist dann alles erzählt. Und ändert nichts am Eindruck, dass die Sendung ihren Höhepunkt womöglich überschritten hat. Fast allen Beteiligten – Kandidaten, Machern, Zuschauern – sind die Rituale der Show so vertraut, dass sie sich schon über diese Vertrautheit lustig machen. Das ist vermutlich ein endliches Vergnügen.

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