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Dschungelcamp-Finale : Mit Bitte und Danke gegen all den herrlichen Hass

Königlich gelaunt: Menderes nach seiner letzten Dschungelprüfung Bild: RTL

Ihn hatte wohl niemand auf dem Zettel: Menderes Bagci, nettester Mensch der Welt, ist der neue Dschungelkönig. Er errang den Sieg nach einer Prüfung, die eigentlich für Nathalie perfekt gewesen wäre.

          Am Ende sitzt Menderes alleine im Camp und weint still vor sich hin. Weil er gewonnen hat, zum ersten Mal im Leben, und dann gleich so etwas. Er hat sie alle aus dem Feld geschlagen, die lautstark Werbung für sich machten, die Streits vom Zaun brachen, um Sendezeit zu bekommen, die wie Halbstarke auf Speed herumbrüllten oder zu nichts Lust hatten. Er kann es nicht fassen. Und das Publikum hätte es auch nie gedacht, als sein Name auf der Kandidatenliste auftauchte. Menderes, das war doch dieser komische Typ von „DSDS“.

          Diese Umschreibung ist er jetzt los. Wenn die Jubiläumsstaffel sich eines stolz auf die Fahnen schreiben kann, dann dieses: Zwei Menschen, die das Camp als Witzfiguren betreten haben, werden jetzt anders wahrgenommen. Das gelingt wahrhaftig nicht jedem, wir erinnern uns an den dauernölenden und viel zu früh fliehenden Wendler – und auch Ricky wurde in dieser Staffel nicht gerade zum Sympathieträger. Aber dass Menderes mit einer solchen Menschenfreundlichkeit, Fröhlichkeit, Bescheidenheit und Hartnäckigkeit diese zwei Wochen hinter sich bringen konnte, muss einem Respekt abnötigen.

          Nur mal am Schnitzel riechen. Danach aß Sophia allerlei Ungenießbares.

          Die zweite, die sich ein ganz neues Image geschaffen hat, wurde auf Rang zwei immerhin Dschungelprinzessin: Sophia Wollersheim, die zurechtgemacht stets aussah, als habe man sie aus Plastik gegossen und von Kindern bemalen lassen. Im Camp war sie ihres fürchterlichen Make-ups beraubt und zeigte sich emotional, unerschrocken und offen. Am Finaltag gab sie zu, dass ihre langen künstlichen Fingernägel eigentlich furchtbar nerven. Es war, als dürfe man sie dabei beobachten, wie sie sich von einem überzüchteten Hündchen wieder in sich selbst verwandelte.

          In Freiheit ließ Helena sich als erstes die Rastazöpfe öffnen. Man hatte sich den Effekt irgendwie vorteilhafter ausgemalt.

          Besonders hilfreich für Sophias Sympathiewerte war allerdings der Clinch mit Helena, der Fürstin der Finsternis, die beschlossen hatte, die junge Blondine ganz besonders zu hassen. Da wirkte Sophia immer wieder wie die Stimme der Vernunft – auch bei Helenas Auszug, den die Geschasste nutzte, um eine kleine Ansprache darüber zu halten, was für schlechte Menschen die anderen seien. „Du hast noch nie ein Format gehabt“, fuhr sie Sophia an. „Ich hab sechs Jahre für RTL gearbeitet!“ Sechs Jahre, in denen sie offensichtlich nach unten durchgereicht wurde, wenn sie nun als unbeliebtester Mensch im Dschungelcamp gelandet ist. Helenas Fazit: „Mein Benehmen war für mich okay!“

          Das Abschrauben von Sternen mit der Zunge gehört zu den demütigenderen Aufgaben des Prüfungsrepertoires.

          Helenas zweiter Intimfeind Thorsten musste am Finaltag als erster in die Prüfung. „Ich werd‘ das Mögliche möglich machen“, kündigte er in bekannter Sprachgewalt an, um dann durch Spinnen, Krebse und Fleischabfälle zu kriechen und Sterne zu sammeln. Sophia aß bei ihrer Prüfung tapfer alles außer lebendigen Würmern und zeigte noch mal, dass sie sich mit denselben Problemen herumschlägt wie jede andere Frau, die stark abgenommen hat: „Ist denn noch was da?“, fragte sie die Moderatoren und wies auf ihre Brüste. „Die werden immer kleiner!“ Das ist durchaus interessant – wir dachten schon, wir hätten uns an den Anblick einfach gewöhnt.

          You are not alone: Vierzig Schlangen leisten Medusa Menderes Gesellschaft.

          Schließlich kam Menderes an die Reihe und harrte fünf Minuten mit Schlangen in einer sargähnlichen Vorrichtung aus. Die ganze Zeit wirkte er so entspannt wie seinerzeit der dauermeditierende Rainer Langhans im Kakerlakensarg. Bitte sehr, alle Sterne, guten Appetit – die drei Prüfungen des Finaltages waren leider allesamt fürchterlich langweilig. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass sie den falschen Campern zugeschrieben wurden. Man hätte sich durchaus gut anschauen können, wie Thorsten eine Krokodilvagina verspeist, Sophia fünf Minuten am Stück ruhig daliegen muss und Menderes wortreich einen Waran bittet, doch nur mal kurz ein bisschen beiseite zu gehen.

          Doch gerade die Essensprüfungen sind inzwischen etwa so spannend wie eine Folge Benjamin Blümchen. Wir wissen jetzt, dass man so ziemlich alles essen kann, dass vieles davon eklig schmeckt und schwer zu kauen ist, und dass es trotzdem jedes Mal wieder Leute gibt, die es wagen. Vielleicht kann das jetzt einfach ins kollektive Bewusstsein übergehen, dann können wir mit anderen Prüfungen weitermachen. Am besten mit sportlichen – das Stand-up-Paddeln war schon eine ziemlich große Freude – und kommunikativen: Wie Thorsten, Jürgen und Menderes zehn Minuten lang an rechts und links gescheitert sind, bleibt unvergesslich.

          Festmahl im Dschungel: Auch diese Tradition wird von Jahr zu Jahr weniger sehenswert.

          Trotz der lahmen Prüfungen war diese Staffel definitiv eine der besseren, wozu die, sagen wir mal, heftig polarisierenden Camper Ricky und Helena einen großen Beitrag geleistet haben. All der herrliche Hass! Wir geben es ja nicht gerne zu, aber das hat uns im Club Harmonie vergangenes Jahr schon gefehlt. Für die Ewigkeit bewahren möchten wir aber doch lieber diese schöne, wahre und wichtige Erkenntnis der Dschungelprinzessin Sophia: „Ich werde nie wieder eine Diät machen. Ich werde leben!“

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