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„Dschihad in der City“ auf Arte : Sie waren Menschen wie wir

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Der Weg in den Terror: Nasimas Demonstrationsversuch endet in den Armen zweier britischer Polizisten Bild: © channel4/Charlie Gray

Ein Fernsehereignis: Arte zeigt „Dschihad in der City“, die Geschichte zweier Kinder aus gutem Hause. Zum Geheimdienst geht der Sohn, die Tochter aber wird Terroristin. Eine ebenso präzise wie packend erzählte Geschichte.

          Das Täterprofil entspricht nicht dem Klischee. Islamistische Terroristen wie die Urheber der Londoner Anschläge des Jahres 2005 sind in der Kultur des Westens aufgewachsen, sozial gefestigt, nicht selten akademisch gebildet. Dennoch haben sie den Entschluss gefasst, in Pakistan oder anderswo ein Ausbildungslager zu durchlaufen mit der Absicht, ein blutiges Selbstmordattentat zu verüben. Ein psychologisches Rätsel, nicht nur für Laien.

          Es hat im fiktionalen Fernsehen bereits einige Versuche gegeben, diesen Entfremdungsprozess nachzuvollziehen. In Deutschland mit diversen Fernsehfilmen, in den Vereinigten Staaten mit der - von RTL 2 mittlerweile ins Nachtprogramm abgeschobenen - Serie „Sleeper Cell“, die ihr Thema im Gewand eines Thrillers verhandelt.

          Zwischen Dankbarkeit und Stolz

          Eines der ambitioniertesten Projekte dieser Ausrichtung stammt vom britischen Channel 4. Der preisgekrönte Autor und Regisseur Peter Kosminsky war dem Geschehen sehr nahe, als 2005 eine terroristische Attacke um Haaresbreite misslang. So fand er das Thema seines nächsten Films, das auch eine persönliche Komponente enthält, wie er in einem Beitrag für den „Telegraph“ schilderte. Er selbst ist, als Sohn einer österreichischen Exilantin, zur Hälfte Brite zweiter Generation und kennt den Wunsch, sich dem Gastland anzupassen und Dankbarkeit zu zeigen, andererseits aber auch den Drang, aufzubegehren gegen eine Form nationalen Stolzes, die als Legitimation für die Zurückweisung alles Fremdartigen missbraucht wird.

          Verzweiflung nach dem Tod der besten Freundin: Nasima wendet sich dem radikalen Islamismus zu

          Kosminsky entwickelte die Idee, beiderlei Gefühle zu personalisieren. Die Protagonisten seines zweiteiligen Films sind Geschwister, Kinder einer pakistanischen Einwandererfamilie, in Bradford in muslimischem Umfeld lebend, im Grunde schon weit vom kulturellen Verständnis ihrer Eltern entfernt. Nasima (Manjinder Virk) studiert Medizin, ist lebenslustig und hat einen nichtmuslimischen Freund schwarzer Hautfarbe, den sie vor ihrem konservativ eingestellten Vater verheimlichen muss. Die junge Frau ist weltlich eingestellt und politisch engagiert. Bis sie ohnmächtig erleben muss, dass ihre beste Freundin Sabia (Zarah Ahmadi) aus nichtigen Gründen verhaftet wird und ihre Bürgerrechte verliert. Infolge der jüngsten Anti-Terror-Gesetze gibt es keine Möglichkeit, gegen die Repressalien, die mit Demütigungen und Herabsetzungen einhergehen, juristisch vorzugehen. Sabia verzweifelt und wählt den Freitod. Hier nimmt Nasimas Radikalisierung ihren Anfang, die sie nach Pakistan führt.

          Zwei Schicksale

          Ihr Bruder Sohail (Riz Ahmed) studiert Jura, fühlt sich vollends als Brite und sieht sich in der Verpflichtung, sich für die Aufnahme und Ausbildung erkenntlich zu zeigen. Er bewirbt sich beim Geheimdienst MI5, wird angenommen und im Kampf gegen den islamistischen Terror eingesetzt. Was auch bedeutet, dass Sohail Freunde und Nachbarn bespitzeln muss. Selbstredend verschweigt Sohail seine neue Tätigkeit, gebraucht Ausflüchte, ist immer seltener zu Hause. Und er steht seiner Schwester nicht zur Verfügung, als die ihn am dringendsten braucht.

          Wahrnehmung ist eine Frage der Perspektive, schreibt Peter Kosminsky zu Recht. Als logische Folge dieser Erkenntnis liefert er zwei Versionen seiner Geschichte. In Teil eins schildert er den Werdegang Sohails. Auch er erlebt rassistische Schikanen, weiß sie aber anders zu kanalisieren als seine Schwester. Im MI5 macht er schnell Karriere. Agenten mit muslimischem Hintergrund sind sehr gefragt. Teil zwei nimmt Nasimas Warte ein. Selbstredend kreuzen sich die Wege der Geschwister mehrfach; die entsprechenden Ereignisse werden doppelt erzählt, gewinnen aber in der Wiederholung eine völlig andere Bedeutung. Was im ersten Teil als beiläufige Erscheinung aufgenommen wird, erhält im zweiten höchste Brisanz.

          Packend und präzise

          Peter Kosminsky, der zuvor schon mit aktuellen Fernsehfilmen wie „Warriors - Einsatz in Bosnien“, „Projekt Machtwechsel“ und „The Government Inspector“ hervorgetreten ist, zeigt hier abermals in herausragender Weise, wie Fernseherzählungen von durchaus populärer Machart zum Gegenwartsverständnis beitragen können. Kosminsky muss nicht verzerren geschweige denn dämonisieren, um spannende Momente zu schaffen. Sein Drama ist packend erzählt, präzise recherchiert, hochaktuell. Weitaus wirkungsvoller als manche Reportage oder Dokumentation hat Kosminsky auf überzeugende Weise umgesetzt, was er wie folgt formulierte: „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass es sich bei jenen (Attentätern) nicht um überseeische Freischärler handelte, um reisende Soldaten des globalen Dschihad. Sie waren Briten - hier geboren, ausgebildet, iPod-Besitzer, Manchester-United-Fans, Menschen wie wir.“

          „Dschihad in der City“ ist alles andere als didaktisches Schulfernsehen, es birgt aber einen subtilen, durchaus angebrachten Appell. Man kann daraus lernen.

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