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„Söhne der Sonne“ bei Arte : Pyramiden, Gold und Menschenopfer

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Der Inka-König Huayna Cápac hielt die Spanier zunächst für ungefährlich. Bild: doc.station/Hans Jakobi

Arte beleuchtet die Hochkulturen der Maya, Inka und Azteken und erzählt von der kolonialen Eroberung Südamerikas. Das ist beeindruckend und lehrreich, wenn auch etwas viel „Story“.

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          Tripadvisor, die Touristik-Website, nennt sie nüchtern die drittwichtigste Sehenswürdigkeit des südspanischen Medellín: die Statue für den wohl berühmtesten Sohn des Ortes, Hernán Cortés (1485–1547), Konquistador des Azteken-Reichs. Angesichts der gegenwärtigen Heroendämmerung muss man sich vielleicht beeilen, will man die in der Tat nicht eben bescheiden wirkende und schon vor zehn Jahren von Protestlern mit roter Farbe übergossene Darstellung des Eroberers, dessen Fuß auf dem Kopf eines gestürzten aztekischen Idols ruht, noch besichtigen. Im nächsten Jahr steht der 500. Jahrestag des von Cortés initiierten Sturms auf die mythische Stadt Tenochtitlán an, die zu diesem Zeitpunkt durch Seuchen, welche die Spanier eingeschleppt hatten, stark geschwächt war: ein Massaker mit Abertausenden Toten, das die wenigen hundert Europäer freilich nicht allein angerichtet haben. Sie hatten tatkräftige Hilfe von Zehntausenden Indigenen, die unter der aggressiven Übermacht der Azteken litten. Aus dem blutgetränkten Boden erwuchs die Stadt Mexico City, das koloniale Machtzentrum Neuspaniens.

          Der Historiker Stefan Rinke hat unlängst herausgearbeitet, wie komplex diese „Eroberung“ der Aztekenwelt in Wahrheit war. Sie hatte viel mit einer strukturellen Instabilität des wankenden Großreichs unter Moctezuma II. zu tun. Dass die Azteken die Spanier für Götter hielten und naiv hofierten, gehört hingegen wohl in den Bereich der Siegerlegenden. Klar ist aber auch, dass spanische Truppen gleich mehreren hochentwickelten Kulturen den Untergang brachten. Nur ein Jahrzehnt nach Cortés machte der verschlagene Francisco Pizarro dem Inka-Reich den Garaus. Und auch die uralte Maya-Zivilisation – oder das, was nach dem Niedergang im 10. Jahrhundert davon übrig war – überlebte den Einfall der Soldaten aus Europa nur eingeschränkt. Wichtiger als Denkmäler zu lynchen scheint es jedoch zu sein, auf historisch-wissenschaftlicher Grundlage an die politischen und kulturellen Leistungen dieser weitgehend ausgelöschten Zivilisationen zu erinnern.

          Genau das tut die aufwendig produzierte Dokumentarreihe „Söhne der Sonne“, die Arte zum richtigen Zeitpunkt im Programm hat. Hinter der kleinen Serie über die Reiche der Maya, der Inka und der Azteken in der Regie von Anne Holländer und Carsten Obländer steht die amerikanisch-deutsche Produktionsfirma Story House, die vor zwei Jahrzehnten mit konventionellen Dokumentationen begonnen hat, aber schnell in immer weitere Genres vorrückte und inzwischen ein Portfolio besitzt, das von „Terra X“ über „Trucker Babes“ bis zu Sendungen mit Sternekoch Nelson Müller oder der sehenswerten Serie „Dignity“ reicht. In der aktuellen Produktion wechseln sich klassische Dokumentarszenen mit fulminanten virtuellen Rekonstruktionen ab: Das CGI-Team hat ganze Arbeit geleistet. Daneben kommen viele Experten zu Wort, darunter der genannte Stefan Rinke, aber auch zahlreiche Reenactment-Spielszenen sind zu sehen, die bei aller Detailgenauigkeit der Ausstattung immer an Abenteuer-Bilderbücher erinnern. Regelrecht verliebt zeigt sich die Reihe in prägnante Indiogesichter in Großaufnahme.

          Der Blick ist differenziert und gewogen zugleich, stellt die gesellschaftlichen, kulturellen und architektonischen Errungenschaften der drei Sonnenkulturen in den Mittelpunkt. Bei den Maya konzentriert man sich zunächst auf den Maisanbau und die präklassische, im zweiten Jahrhundert verlassene Metropole El Mirador. Danach wird die Hochphase auf der Halbinsel Yucatán mit ihren überragenden Bauwerken, astronomischen Künsten und allmächtigen Gottkönigen skizziert. Das Maya-Reich kollabierte im zehnten Jahrhundert, gescheitert wohl auch an der eigenen Größe. Zerfall der Ordnung, Raubbau an der Natur, Dürren: Mehrere Probleme kamen zusammen. Bei den Inka, die die gesamten Anden besiedelten, stehen Kriegskunst, Goldverarbeitung, Staatsverwaltung und atemraubende Felsenstädte im Vordergrund. Die Azteken schließlich, die mit Pfahlbauten und schwimmenden Gärten eine Insel in eine moderne Großstadt verwandelten, bilden den Zielpunkt der Sendereihe. Sie haben im 15. Jahrhundert ein Gesellschaftssystem errichtet, das dem europäischen in mancher Hinsicht voraus war. Es setzte ganz auf Bildung (bis hin zur allgemeinen Schulpflicht auch für Mädchen), auf eine verlässliche Marktordnung (inklusive Hygienekonzept und Recycling) und auf klare Machtstrukturen, kannte aber auch schon ein praktikables Scheidungsrecht.

          Trotz des leicht reißerischen Tonfalls („grausame Rituale“), der dramatischen musikalischen Untermalung und der mitunter exotistischen Bilder – weniger „Story“ wäre mehr gewesen – hebt man etwa bei den Menschenopfern auf Alterität ab: Für Maya, Inka und Azteken war dies schlicht eine Form der Kommunikation mit den Göttern. Was noch deutlich wird in den drei Episoden: Reiche von solcher Dimension und Dauer wurden nie friedlich errichtet. An Rücksichtslosigkeit und Härte gegenüber den Nachbarn, die sich komplett zu unterwerfen und Sklaven oder Menschenopfer zu entrichten hatten, standen die Sonnensöhne den Plünderern aus Europa kaum nach. Ein Manko der Serie aber sticht im Lichte der gegenwärtigen Debatten ins Auge: Der Blick auf die Nachfahren der drei indigenen Völker ist allenfalls ein folkloristischer. Dabei sind die Ureinwohner in Guatemala, Peru oder Mexiko trotz eines gewissen Indio-Patriotismus bis heute vielfältiger struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Das hätte unbedingt in die Filme hineingehört, gern auf Kosten einiger der bedeutungsschweren Spielszenen.

          Alle drei Folgen von Söhne der Sonne laufen heute, von 20.15 Uhr an, auf Arte.

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