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„Drei Nüsse für Aschenbrödel“ : Wie der Sozialismus für ein Wintermärchen sorgte

Das Drehbuch hatte der Autor František Pavlíček nach Motiven einer tschechischen Version des Volksmärchens „O Popelce“ (Vom Aschenbrödel) verfasst, am Set aber kannte so gut wie niemand Pavlíčeks Urheberschaft. Der Mann gehörte den Reformern der Kommunistischen Partei an und hatte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Berufsverbot erhalten. Nicht mal mehr Märchen durfte er offiziell schreiben, sondern musste sich fortan als Hausmeister und Lagerarbeiter durchschlagen. Später gehörte er zu den Unterzeichnern der Charta 77, die Menschenrechtsverletzungen in der ČSSR anprangerte, und kam mit Václav Havel in Untersuchungshaft.

Wie viele andere Verfemte schrieb auch Pavlíček heimlich weiter, konnte seine Werke jedoch nur mit Hilfe von „Tarnautoren“ veröffentlichen. Im Fall von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sprang die Dramaturgin Bohumila Zelenková ein. Sie erzählte, dass nur drei Leute von der Sache wussten – und bis 1989 dichthielten.

In Moritzburg selbst wurde im Januar 1973 vier Tage lang gedreht, bei bitterer Kälte, aber ohne Schnee. So wurde das malerisch auf einer künstlichen Insel im See gelegene Schloss mit allerlei künstlichem Weiß drapiert. Das Team improvisierte, überhaupt standen dem Projekt nicht nur erstklassige Schauspieler beider Länder, sondern auch eine exzellente Crew zur Verfügung, darunter Kostümbildner Theodor Pištěk, der später für seine Arbeit für Milos Formans Meisterwerk „Amadeus“ einen Oscar erhielt.

Nach den Premieren – Ende 1973 in Prag und im Frühjahr darauf in Ost-Berlin – war schnell klar, dass der Film einen Nerv getroffen hatte; ein Vierteljahr nach dem Start war er in Prager Kinos immer noch ausverkauft, in der DDR hatte er im ersten Jahr 800 000 Zuschauer. In der Bundesrepublik lief der Film erstmals am zweiten Weihnachtsfeiertag 1975 im Fernsehen – und seitdem alle Jahre wieder.

Heute gehört Aschenbrödel zum Weihnachtsritual wie Geschenke und Gänsebraten, nicht nur in ganz Deutschland, auch in Norwegen und in der Schweiz. Der Film bediene sicher ein paar nostalgische Gefühle, sei aber auch sehr gut gemacht, sagt Steffen Retzlaff. „Er erzählt nicht nur ein Märchen im Kostüm nach, sondern steht für sich.“ Hinzu kommen Humor und Witz, und dass Aschenbrödel, gespielt von Libuše Šafránková, hier nicht das dumme Mädchen gibt, das den Hauptgewinn zieht, sondern eine selbstbewusste Frau, die widerspricht und sich ihren Erfolg erkämpft.

Karel Gott darf bei den Deutschen nicht singen

Diese Sicht auf den Film eint das deutsche wie das tschechische Publikum, nur bei der Musik unterscheidet sich der Geschmack beider Produktionsländer bis heute. Statt dem hierzulande bekannten Instrumental schmettert in der tschechischen Version Karel Gott am Ende, als Prinz und Prinzessin im Schnee dem Horizont entgegen reiten, inbrünstig das Lied „Wo, kleiner Vogel, ist dein Nest?“ Es kennt in Tschechien heute jedes Kind.

Das aber, da waren sich Ost- und Westdeutsche schon 1973 einig, sei zu dick aufgetragen. „Stilbruch“, befand die Defa und ließ Karel Gott herausmischen, auch der WDR verzichtete auf die „goldene Stimme“ aus Prag. Das Ganze sorgte kurzfristig für Verstimmung, dem langfristigen Weihnachtsfrieden aber hat es keinen Abbruch getan.

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