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Drehbesuch beim Grzimek-Film : Der Mann, der mit allem experimentierte

  • -Aktualisiert am

So haben wir Katharina Schüttler und Ulrich Tukur noch nicht gesehen: In Frankfurt spielen die beiden gerade Erika und Bernhard Grzimek. Bild: Ufa Fiction

Den berühmten Tierforscher Bernhard Grzimek kennen viele noch aus dem Fernsehen. Jetzt wird sein Leben verfilmt. Und das birgt viele Überraschungen. Ein Besuch bei den Dreharbeiten im Frankfurter Zoo.

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          Die Besucher, die an Wochentagen schon um 9 Uhr durch die Pforten der deutschen Großstadt-Zoos gehen, lassen sich meist zwei Gruppen zuordnen: Entweder sind es Schulklassen, oder es sind Mütter und Väter in Elternzeit, die den Zoo mit Kleinkind und Jahreskarte aufsuchen. Im Frankfurter Zoo sieht das nicht anders aus. An diesem Tag allerdings werden die Eltern mit den Buggys und die Schülergruppen noch vor dem großen Weiher von Mitarbeitern der Produktionsfirma Ufa Fiction umgeleitet. Für die ARD wird hier gerade ein Zweiteiler über Bernhard Grzimek gedreht, den früheren Zoodirektor und Tierschützer, erfahren die Zoobesucher.

          Die Schulkinder gehen schnell weiter. Ein Vater blickt noch eine Weile gedankenverloren zu den Schauspielern und Komparsen hinüber. Vielleicht erinnert er sich noch an den älteren Herrn, der drei Jahrzehnte lang bis 1987 mit der Sendung „Ein Platz für Tiere“ im Ersten auftrat, immer korrekt gekleidet, mit einer knarzenden Stimme, etwas steif und betulich, aber eloquent und stets mit einem exotischen Tier im Schlepptau. Bernhard Grzimek war eine Instanz im deutschen Fernsehen, ein altmodischer Erkläronkel, der eines Tages von Loriot treffend parodiert wurde.

          „Guten Abend, meine lieben Freunde“

          Der Grzimek, den Ulrich Tukur jetzt gibt, kommt dem, den wir in Erinnerung haben, wohl sehr nahe. Die Szene, die gerade gedreht wird, zeigt den 65 Jahre alten Zoodirektor, wie er im Kreise seiner Mitarbeiter seine Pensionierung feiert. Es ist ein warmer Tag im April 1974, Tukur steht mit weißem Seitenscheitel und schwarzem Anzug vor dem großen Weiher, im Hintergrund die Fontänen und der Turm des Exotariums, auf dessen Dach sich Graureiher niedergelassen haben. Grzimek alias Tukur nimmt einen Blumenstrauß entgegen, dankt und lächelt, umarmt seine Sekretärinnen. Er ist in diesem Moment ganz der nette Herr aus dem Fernsehen, der von 1956 bis 1987 seine Zuschauer stets mit „Guten Abend, meine lieben Freunde“ begrüßte.

          Neben Tukur steht in grauem Kleid und beigefarbenem Mantel Katharina Schüttler, die seine Schwiegertochter Erika darstellt, die Frau von Grzimeks Sohn Michael, der 1959 mit nur 24 Jahren tödlich verunglückte. Bernhard Grzimek und Erika sind im Jahr 1974 schon lange ein Paar. Erfahren wird es die Öffentlichkeit, die mit viel Unverständnis reagiert, erst vier Jahre später, als sie heiraten und die Presse berichtet.

          Grzimek, im Film dargestellt von Ulrich Tukur, war Arten- und Naturschützer. 1959 drehte er den Dokumentarfilm: „Serengeti darf nicht sterben“.

          Der öffentliche Grzimek sei ein Teil seiner Kindheit gewesen, sagt Ulrich Tukur. Der private Grzimek - „den kannte ich vor dem Film gar nicht“. Tukur meint den Frauenhelden, der jung heiratete, im Krieg eine Tochter außerhalb der Ehe zeugte, später eine geheime Beziehung mit seiner Schwiegertochter führte, sie heiratete und seine Enkel adoptierte. Für den Film sei eine Gratwanderung nötig, so Tukur, „zwischen der charmanten öffentlichen Person und dem Mann, der seine Frau immer wieder betrog“. Diese Gratwanderung sei zugleich die Stärke des Films: „Der Film wird im Innern ein Psycho- und Familiendrama vor dem Hintergrund des gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkriegs.“ Er habe die Rolle wegen der Familiengeschichte angenommen. „Schwer fassbar“ sei Grzimek für ihn. „Er konnte sehr sachlich, hart, aufbrausend sein, war als Mensch kompliziert und widersprüchlich. Diesen Charakter auf einen Nenner zu bringen ist nicht einfach.“

          Grzimek, der 1987 starb, hinterließ so viele Texte und Filmaufnahmen, dass man das kaum glauben kann. Aber tatsächlich erklärt allein ein Blick in die Autobiographie des Veterinärmediziners, was Tukur meint: Grzimek beschreibt nicht seine Gefühle, sondern Erlebnisse, Reisen, Streiche, Geschäfte und Abenteuer - stets sachlich. Er verliert kaum Worte über die Menschen in seiner Umgebung, über Nähe, Trennendes oder Gemeinsamkeiten.

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