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Dreharbeiten in der Pandemie : Die Maske ist hinnehmbar

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Mit Abstand: In Frankfurt wird die ZDF-Serie „Ein Fall für Zwei“ mit dem Schauspieler Antoine Monot gedreht. Bild: Helmut Fricke

Die Filmbranche arbeitet seit Februar unter Pandemie-Bedingungen. Wie gut funktioniert das und wie geht es ihren Akteuren dabei?

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          Kann Corona jetzt auch Berge versetzen? Im Falle des ZDF lautet die Antwort „ja“: „Aufgrund der Covid-19-Pandemie zog die Katie-Fforde-Reihe kurzerhand in eine der beliebtesten Urlaubsgegenden Deutschlands“, teilte der Mainzer Sender zum Umzug der „Herzkino“-Produktion von der amerikanischen Ostküste nach Lübeck und in die Hohwachter Bucht mit. Gewöhnlich wird die Reihe in Boston und Umgebung gedreht. Die Drehbücher für zwei neue Melodramen der Reihe „wurden auf die norddeutsche Lebenswelt übertragen“, heißt es.

          Diese pandemiebedingte Improvisation ist bei der „Katie Fforde“-Reihe möglicherweise am augenfälligsten. Tatsächlich aber tüfteln Deutschlands Produzenten, Regisseure und Autoren täglich an Drehbüchern, die den neuen Bedingungen angepasst werden müssen. „Wir konferieren täglich mit unserem Hygienebeauftragten“, sagt Produzent Sven Burgemeister. Allein schon, um eine sichere „Roadmap“ zur Produktion des BR-Films „Geliefert“ zu haben, der unter der Regie und nach dem Buch von Jan Fehse ab Ende Juli entstehen soll. Auch sein Kollege Michael Polle, der dieser Tage den Jubiläums-„Tatort“ für den BR abschließt, konstatiert, „dass ich mir vor ein paar Monaten nie hätte vorstellen können, mit welchen Themen ich mich seit Beginn der Corona-Pandemie auseinandersetzen muss“. Bei der Bewältigung dieser Herausforderung sei man auf die Solidarität und die Zusammenarbeit aller Beteiligten angewiesen. „Sei es von den Teams, die alle Hygienemaßnahmen einhalten müssen, was sie nach meiner Erfahrung wirklich hervorragend tun. Aber auch Senderpartner und vor allem die Politik dürfen nicht vergessen, dass eine vielschichtige und kräftige Produktionslandschaft das Rückgrat der gesamten Branche ist.“ Zu Polles Problemen gehörte auch, dass er unter Ausschluss der Öffentlichkeit drehen ließ, weil jede Ansammlung von Tatort-Fans vor einer Absperrung das Covid-19-Konzept unterlaufen hätte.

          Er darf sich der Solidarität des BR sicher sein. Reinhard Scolik, seit Anfang Juli Programmdirektor des neugeschaffenen Bereichs Kultur, versichert im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die sendereigene „Fürsorge“ darin bestehe, dass die ARD sich bei Auftragsproduktionen mit fünfzig Prozent an den coronabedingten Mehraufwänden beteiligt, „die Produzenten nach Ausschöpfung aller staatlichen Hilfsmaßnahmen haben“. Dem Erhalt der Produzentenlandschaft will man mit einer breiten Auftragsvergabe Rechnung tragen „und nicht nur einige wenige Produktionsfirmen zum Zug kommen lassen, sondern die gesamte Szene“, sagt Scolik.

          Auflagen von streng bis eher lax

          Und so wird quer durch die ganze Republik gedreht, mit teilweise ganz unterschiedlichen Auflagen von ganz streng bis eher lax. Und auch mit zweierlei Maßstäben: Am Set wird penibel auf Abstände geachtet, nach Drehschluss trifft man sich locker ohne Maske im Biergarten. In der Regel aber ist sich jeder der großen Verantwortung bewusst und bereit, widrige Produktionsbedingungen in Kauf zu nehmen. So wie Schauspieler Markus Brandl, der von einer „ungeheuren Dankbarkeit“ spricht, „endlich wieder arbeiten“ zu dürfen. „Da ist das Proben mit Maske absolut hinnehmbar, auch wenn es natürlich zunächst die Wahrnehmung verändert, weil du nun noch mehr auf die Stimme achtest, die schwerer zu verstehen ist.“ Brandl stand gerade bei einer Folge einer neuen Sitcom der Produktionsfirma Caligari-Film für ZDFneo vor der Kamera: drei Tage in Quarantäne mit Theaterprobe, zwei Tage vor der Kamera. Bezahlt bekam Brandl zweieinhalb Drehtage. Genau das ist einer der großen Streitpunkte in der Debatte um die neuen Drehbedingungen. Denn durch die nötigen Quarantäne-Tage entgehen vielen Schauspielern nicht nur Anschlussdrehs, auch über die Bezahlung wird gestritten. Agentin Sylvia Heimann plädierte bei einem DAfF-Talk dafür, dass die Schauspieler für diese Tage auch entlohnt werden – als Akt der Solidarität –, weil Kameraleute und die Requisite den Mehraufwand ja auch bezahlt bekämen. „Ein ganz großes Thema“, findet Produzent Uli Aselmann, der sich wiederum Solidarität von Schauspielern wünscht, deren zum Teil hohe Gagen nun nicht immer komplett gestemmt werden könnten. Ein Mittelweg in Form einer Entlohnung von 1000 Euro für fünf Quarantäne-Tage sei denkbar und in einigen Fällen schon gezahlt worden, heißt es aus Produktionskreisen.

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