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Dreh in der Antarktis : Ein Garten Eden im ewigen Eis

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Was passiert während des Winters?

Im Winter leben in der 5000 Quadratmeter großen Station nur neun Leute. Das stelle ich mir dann ein bisschen vor wie in dem Film „The Shining“. Dass sehr einsame Menschen durch neonerleuchtete Gänge schleichen und wahrscheinlich auch sehr drauf achten müssen, dass sie immer noch jeden Tag duschen und sich ab und zu mal rasieren. Dann tauchen die Probleme auf. Jetzt im Sommer ist es so geschäftig wie in einem Labor an der Uni, aber der Winter, das ist die seelisch spannende Zeit.

Ist das nicht sehr belastend?

Sicher, die Menschen bleiben den ganzen Winter. Die Sonne geht 63 Tage lang nicht auf. Sie sind von der Außenwelt komplett isoliert. Was macht das eigentlich mit einer Gruppe? Was macht das mit der Psyche? Da gibt es eine lustige Studie. Die hat festgestellt: Das Hirn schrumpft. Buchstäblich. Das Hirn der Überwinterer ist danach kleiner. Was das bedeutet, wissen wir noch nicht, aber das zeigt schon mal, mit was für Fragen man sich da auseinandersetzen muss, wenn man Menschen auf den Mars schicken und dort ansiedeln will.

Tomaten, Gurke, Radiesschen: Dank der „Eden ISS“ können zehn Crewmitglieder an jedem Tag im Jahr  frischen Salat essen

Wie lange würde es dauern, bis im Notfall Hilfe eintrifft?

Im schlimmsten Fall Monate. Wenn der antarktische Winter hart ist, können keine Schiffe an der Schelfeiskante anlegen. Flüge sind wegen der Temperaturen schwierig. Es gibt natürlich einen gewissen Austausch mit den wenigen anderen Stationen, die es hier gibt. Drei Flugstunden von hier ist eine russische Antarktisstation. Da könnte man schauen. Mein Eindruck ist aber, dass eher Leute von den anderen Stationen auf die deutsche gebracht werden, wenn es mal hart auf hart kommt. Dann werden hin und wieder Sprunggelenke operiert. Es gibt die berühmte Geschichte von einem russischen Arzt, der sich selbst den Blinddarm herausnehmen musste, weil kein anderer Anwesender medizinische Kenntnisse hatte. So etwas müssen wir für diese Station nicht mehr befürchten.

Die Antarktis hat die Ehre, in der 100. Folge von „Terra X“ vorzukommen. Warum gerade sie?

Die Antarktis ist ein Kontinent, der bisher ausschließlich der Forschung und der Wissenschaft gehört, und deshalb kann man hier sensationelle Sachen machen. Hier ist die sauberste Luft der Welt. Wenn in Brasilien der Regenwald brennt, kann man hier die Rußpartikel nachweisen. Und hier wird der Weltfrieden überwacht. Das ist kein Scherz. Es gibt hier eine Infraschall-Messstation. Wenn irgendwo auf der Welt ein böser Diktator eine Atombombe zünden sollte, dann kann man das hier messen, und es werden die internationalen Behörden verständigt.

Nicht nur Gemüse: Auch Erdbeeren sind auf dem Speiseplan der Neumayer III-Besatzung

Noch einmal zurück zum Klimawandel. Wie präsent ist er auf Ihren Reisen?

Das ist der nicht so lustige Faktor. Ich mach das jetzt seit über einem Vierteljahrhundert und war an vielen Orten mehrfach. Ich habe die Zerstörung mit eigenen Augen gesehen. Wir müssen alles ändern. Es ist leider die bittere wissenschaftliche Wahrheit im Umgang mit der Natur und den Ressourcen. Ihre Zerstörung ist so dramatisch, dass das Thema immer beherrschender wird. Egal wo man heute über Natur berichtet, landet man sofort bei der Ökokrise. Und ich befürchte, dass das in den nächsten Jahren sehr viel dramatischer werden wird.

Der Garten Eden von außen im Dämmerlicht: Im Winter bleibt es in der Antarktis 63 Tage am Stück dunkel

Ziehen Sie daraus Konsequenzen für den Dreh?

Ja, in der Tat. Man kann irgendwann der Frage ja nicht mehr ausweichen: Was ist denn eigentlich mit mir? Die Kollegen und ich haben beschlossen, Flüge privat zu kompensieren, damit das wenigstens klimaneutral ist. Beim ZDF arbeitet man sogar daran, einen sogenannten grünen Produktionspass zu erwerben. Das ist ziemlich kompliziert, muss ich zugeben, weil wir ein öffentlich-rechtlicher Sender sind. Man kann nicht einfach Geld spenden, weil es Gebührengelder sind. Da hängt ein riesiger Verwaltungs-Rattenschwanz dran, aber wir haben da Kolleginnen und Kollegen, die wirklich versuchen, dass unsere Produktionen grün und CO2-neutral werden.

Was ist die wichtigste Lektion aus über zehn Jahren „Terra X“?

Die Natur ist am Ende immer stärker als wir. Es gibt keine Möglichkeit, ihren Gesetzen irgendwie zu widerstehen. Wir müssen uns anpassen, oder wir gehen unter.

Antarktis – Expedition in die Zukunft, am 23. Februar um 19.30 Uhr im ZDF

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