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Film „Draußen in meinem Kopf“ : Wo die Freiheit beginnt – und die Würde gewahrt wird

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Alles nicht so einfach: Christoph (Nils Hohenhövel, rechts) betreut den an Muskeldystrophie erkrankten Sven (Samuel Koch). Bild: ZDF und Thomas Kost

Eibe Maleen Krebs’ „Draußen in meinem Kopf“ ist ein besonderer Film über eine Freundschaft zwischen Sterbebegleitung und Abschiednehmen. Er ist intim, gefühlvoll – aber auch schrecklich authentisch.

          Nichts verachtet Sven (Samuel Koch, seit seinem Unfall bei „Wetten, dass ..?“ gelähmt) so sehr wie die Gutmenschen, die an Weihnachten mit Schokolade bewaffnet an seinem Bett stehen und „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her“ anstimmend durch das Pflegeheim schreiten, feierliche Stimmung wie Weihrauch über alle Insassen zu nebeln gedenken und im befriedigten Bewusstsein guter Werke wieder abziehen: „Gehirnamputierte Krüppel, die nicht ahnen, wie schief sie singen.“

          Wer eingeschränkt ist wie Sven, lebt nicht nur an Feiertagen im Zustand ständiger Nötigung und muss pausenlos Übergriffe auf seine Intimsphäre ertragen. Die reine Versorgung, das Füttern, Waschen, Trockenlegen, kann noch als Notwendigkeit gelten. Gut gemeintes Mutmachen allerdings geht ihm zu weit. Dankbarkeit darf keiner erwarten. Was ihn tröstet, entscheidet er selbst. Eine Frage der Würde. Sven ist ein Mensch, Tetraplegiker, gelähmt vom Hals abwärts. Diagnose Muskeldystrophie. Bald wird er sterben, ein sinnvoller Zweifel daran gehört ins Reich des christlichen Wunderglaubens. Ob die Lunge oder das Herz zuerst versagen wird, steht noch nicht fest. Das mag der allmächtige Würfler entscheiden.

          Ein etwas anderes Leben

          Eibe Maleen Krebs’ großartiges Kammerspiel „Draußen in meinem Kopf“, das das ZDF als „Kleines Fernsehspiel“ in der Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Ersten“ zeigt, ist alles andere als eine weitere unterhaltsame Mutmachvariante der Spielfilmuntergattung „Ziemlich beste Freunde“. Obwohl auch hier mit Christoph (toll: Nils Hohenhövel) ein Pfleger den Counterpart des Gelähmten spielt. Aber sowohl Krebs’ Buch und Regie als auch Judith Kaufmanns sensible und augenöffnende Kameraarbeit machen „Draußen in meinem Kopf“ zu einem ganz besonderen Film über eine Freundschaft, die gleichzeitig Sterbebegleitung und Abschiednehmen ist. Als Christoph, der junge, etwas schüchterne, sexuell ein wenig verklemmte FSJler seine Freiwilligenstelle als Svens neuer Betreuer antritt, überwiegt seine Irritation.

          Mit dieser Irritation beginnt Krebs’ Film. Den Job hat sich der junge Mann anders vorgestellt, aber vor allen „seinen“ Behinderten hat er sich anders vorgestellt. Im Pflegeheim hat Sven sich den eigenen, nur auf den ersten Blick engbegrenzten Privatheitskosmos geschaffen. Partys mit dem ausgeflippten Larry (Lars Rudolph) und Laus (Mario Fuchs) gehören dazu, das Schwärmen für die Pflegerin Louisa (Eva Nürnberg), die Musik und eine Schublade mit Inhalt, den Sven Christoph offenbaren wird, als er sich entscheidet, seinen Helfer um einen wirklich intimen Gefallen zu bitten. Es geht in diesem Film um das Behaupten der Eigenwilligkeit, um Nähe als das Gegenteil der durch die Pflege gesetzten Näheerfahrung – und um Freiheitsspielräume. „Draußen in meinem Kopf“ spart dabei auch Kleinstes und Allerpersönlichstes nicht aus – Liebe, Fühlen, Sexualität, Eifersucht – und zeigt ihre Wirkungen auf zarteste und handfeste Weise zugleich. Kaufmanns Bilder lassen einen heran an Sven – aber ohne Nötigung, sondern in einem behutsamen Prozess, den der außerordentlich berührend spielende Samuel Koch jederzeit zu bestimmen scheint.

          Der Unverstandene

          Krebs’ Film, gedreht „nach einer wahren Begebenheit“, hält sich von Erklärungen über Behinderung ebenso fern wie von Demonstrationen exemplarischen Umgangs mit Körperlichkeit mit „Pflegebedarf“, er schaut zu. Seinen Reim darf man sich selbst machen. Wer sich je über Würde Gedanken gemacht hat, ist hier richtig. Allen anderen könnten die Augen übergehen.

          Sven hört Bach, wie andere Brot essen oder Luft atmen. Braucht die Kantaten, die von Schwermut zeugen und den süßen Tod als Schlafes Bruder umarmen, als Überlebensmittel und Feier der Wahrheit. Das Bachsche „Ach“, das die Eitelkeit, die Vergänglichkeit und die Schönheit des Lebens beseufzt, könnte als Motto über „Draußen in meinem Kopf“ stehen, Svens Sphärenmusik. Der Pastor (Bastian Trost) an seinem Pflegebett redet von Gottvertrauen und Stärke des Glaubens angesichts des Todes wie der Blinde von der Farbe. Oder wie der Gelähmte vom Tausendmeterlauf. Dass „Verständnis“ von Behinderung immer auch ein totalitäres Moment hat, diese Einsicht gewährt der Film auf denkbar unaufdringliche Art.

          Draußen in meinem Kopf, am Mittwoch, 24. Juli 2019, um 23.15 Uhr im ZDF

          Draußen in meinem Kopf, am Mittwoch, 24. Juli 2019, um 23.15 Uhr im ZDF

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