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„Dr. Death“ bei TVNow : Wie konnte er damit durchkommen?

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Dem Eid des Hippokrates fühlt er sich nicht verpflichtet: Christopher Duntsch (Joshua Jackson) Bild: TVNow

Ein zerstörerischer Ego-Trip: Die Serie „Dr. Death“ schildert das furchtbare Wirken eines Chirurgen. Sie beruht auf einem wahren Fall, der die Schwächen des Gesundheitssystems offenbart.

          3 Min.

          Du hast alles für mich ruiniert“, sagt Dr. Christopher Duntsch (Joshua Jackson) in einer Szene von „Dr. Death“ mit steinernem Blick zu seinem besten Freund Jerry Summers (Dominic Burgess). Es ist der Gipfel einer ungeheuerlichen Selbstherrlichkeit: Duntsch hat soeben eine Operation verhunzt, die Summers von quälenden Nackenschmerzen befreien sollte. Jetzt ist Summers querschnittsgelähmt.

          Es ist nicht der einzige medizinische Fehler, der dem ambitionierten Neurochirurgen unterläuft. Seine nächste Patientin verblutet auf dem OP-Tisch; zu diesem Zeitpunkt hat er bereits drei weitere Operationen verpfuscht. Bemühungen von zwei entsetzten Kollegen, Duntschs Gemetzel zu stoppen, verfangen sich immer wieder im Gestrüpp des texanischen Gesundheitssystems. Erst mithilfe einer ambitionierten jungen Staatsanwältin gelingt es ihnen, den Mann vor Gericht zu bringen.

          Grobe medizinische Missgeschicke

          Wem beim Gedanken an den Operationssaal mulmig wird, der sollte sich diese Serie lieber ersparen. „Dr. Death“ beruht auf einer wahren Geschichte und orientiert sich trotz seines reißerischen Titels genau an den Fakten. Christopher Duntsch soll zwischen 2011 und 2013 bei misslungenen Eingriffen im Bundesstaat Texas mindestens dreiunddreißig Patienten verletzt und zwei fahrlässig getötet haben. Erst 2013 wurde ihm die Zulassung entzogen; 2015 wurde er zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Serie ist teils Psychogramm eines Mannes, dessen Ehrgeiz in keinem Verhältnis zu seinen Fähigkeiten steht, teils Blick in ein Gesundheitssystem, in dem Gestalten wie Duntsch ungehindert operieren können, weil Profit und Eigeninteresse an der Spitze aller Erwägungen stehen.

          Bis 2003 waren Patienten in Texas durch eine Reihe von Gesetzen vor ärztlichen Kunstfehlern geschützt. Doch dann wurden diese Regularien nach und nach abgebaut, sodass die Ärzte schließlich besseren Schutz genossen als ihre Patienten. Wiedergutmachungen wegen ärztlicher Kunstfehler wurden auf 250.000 Dollar gedeckelt; um eine Klinik zu verklagen, musste ein Patient nachweisen, dass das Krankenhaus mit Vorsatz gehandelt hat, also um ein Risiko wusste und es ignorierte.

          Tadellose Empfehlungen

          In diesem Umfeld war es für Duntsch offenbar ein Leichtes, sich den Konsequenzen seiner groben medizinischen Missgeschicke zu entziehen. Er verstand es meisterlich, andere für seine Fehler verantwortlich zu machen: Anästhesisten, OP-Schwestern, die Patienten selbst. Und das Texas Medical Board, die Überwachungsinstanz für ärztliche Zulassungen, weigerte sich, ohne überwältigende Beweise einzuschreiten. Unterdessen waren die Kliniken, in denen er arbeitete, in erster Linie an ihrem eigenen Ruf interessiert – und an dem lukrativen „Star-Chirurgen“, als der sich Duntsch verkaufte. Er blendete seine Patienten und Arbeitgeber mit seinen Papieren. Er war nicht nur zugelassener Neurochirurg, sondern behauptete, auch einen Doktortitel in Mikrobiologie zu haben (was Medienberichte infrage stellten).

          Wenn es brenzlig wurde, wechselte Duntsch stets die Stelle – mit tadellosen Empfehlungen. „Seine Referenzen sind das Fundament seines Bullshits“, sagt der Chirurg Randall Kirby (Christian Slater) an einer Stelle. Kirby hatte Duntsch bei einer verpfuschten Operation assistiert und versuchte gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Henderson (Alec Baldwin), der Korrektureingriffe durchführte und Kirbys Bestürzung teilte, Duntsch aus dem Verkehr zu ziehen. Aber die schrecklichen Fehler „fielen in ein regulatorisches Niemandsland“, wie es der Dallas Observer in einer Hintergrundgeschichte von 2013 ausdrückte.

          Alkohol und Drogen

          Die achtteilige Serie verfolgt Duntschs Werdegang vom überambitionierten, aber mittelmäßigen Footballspieler zum selbsterklärten medizinischen Genie in der Stammzellenforschung und später vermeintlich genialen Chirurg, und sie erzählt den Kampf der Doktoren Henderson und Kirby gegen Duntsch. Ihre Stärke rührt nicht zuletzt von einer Reihe Darsteller in schauspielerischer Höchstform. Jacksons Duntsch ist ein facettenreicher Typ: Er setzt seinen Charme punktgenau ein, um sich einer psychologischen Überprüfung zu entziehen oder einen skeptischen Patienten zu überzeugen, dann wieder verwandelt er den Operationssaal in ein Schlachtfeld.

          Er ringt verzweifelt um die Anerkennung seines Vaters (Fred Lehne), betäubt seinen Frust mit Alkohol und Drogen und ist wenig später abermals die vermeintliche Kompetenz in Person. Jackson führt mit erfreulichem Understatement durch den zerstörerischen Ego-Trip dieses Mannes, statt ihn zu einem leicht fassbaren Monster zu stilisieren, wie das im True-Crime-Genre allzu oft üblich ist. Slater spielt als eigenwilliger Dr. Kirby, der kein Blatt vor den Mund nimmt, den Gegenpart zu Baldwins stoischem, regeltreuem Dr. Henderson, der sich hin und wieder dazu verpflichtet fühlt, sich für Kirbys unkonventionelles Auftreten zu entschuldigen. Das ist bisweilen arg plakativ, wirkt aber im Verlauf der düsteren Story auch befreiend. Grace Gummer droht zwischenzeitlich in einer Nebenrolle Jackson die Schau zu stehlen, und Anna Sophia Robb glänzt als leicht zu unterschätzende, aber stahlharte Staatsanwältin Michelle Shugart.

          Die Frage nach dem Motiv drängt sich auf, wird aber nicht erschöpfend beantwortet. „Die wahre Frage ist, wie er damit davonkam“, sagt Henderson an einer Stelle programmatisch. Dem grauenhaften Schaden, den Duntsch seinen Patienten zugefügt hat, liegt kalte Geringschätzung zugrunde. Henderson und Kirby rätseln in einer Szene, ob der Mann schlicht inkompetent ist, ein Aufschneider oder gar ein Soziopath. Eine einfache Antworten darauf gibt die Serie nicht.

          Leider macht sie es ihren Betrachtern auch nicht leicht, der Chronologie der Ereignisse zu folgen. Das Geschehen entfaltet sich in einer beinahe manischen Vielzahl von Zeitsprüngen, denen man bald nur noch mühsam folgen kann – ein überflüssiger Kunstgriff, den die sehenswerte Produktion gar nicht nötig gehabt hätte.

          Dr. Death läuft bei TVNow.

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