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Ausschreitungen in Heidenau : Links und rechts

Zwischen den Fronten, Ziel der Angriffe von allen Seiten: Polizisten vor der Asyl-Notunterkunft in Heidenau bei Pirna, in der Nacht zum vergangenen Sonntag. Bild: Imago

Für eine Meldung zu den Krawallen in Heidenau, in der von „vermutlich Rechten“ die Rede war, kassiert die Deutsche Presse-Agentur auf Twitter jede Menge Häme. Bei genauem Hinsehen zeigt sich: zu Unrecht.

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          Kleine Meldung, große Wirkung: „Randale zwischen Linken und vermutlich Rechten in Heidenau“ war ein kurzer Text überschrieben, den die Deutsche Presse-Agentur am vergangenen Sonntagabend zu „gewalttätigen Übergriffen“ im sächsischen Heidenau absetzte. In der Nähe eines Asylheims hätten Angehörige der Antifa-Szene „eine Gruppe von Menschen angegriffen, die sie offensichtlich dem rechten Spektrum zuordneten“, hieß es bei der dpa.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es war einer von rund vierzig Beiträgen der Nachrichtenagentur zu den Vorgängen in Heidenau an diesem Wochenende und bei weitem nicht der umfassendste. Doch fand diese kurze Meldung in den sozialen Medien die größte Beachtung, vor allem bei Twitter, wo sie unter dem Hashtag „#Vollpfostenjournalismus“ verortet wurde. Der Mediendienst „Meedia“ stellte flugs zusammen, wer die Meldung übernommen habe (unter anderem FAZ.NET), was den Umstand ignoriert, dass es sich hierbei um die Rubrik der Agentur-Tickermeldungen handelt, aber wohl irgendwie skandalisierend wirken und den Tenor bei Twitter verstärken sollte: alles Vollpfosten, die links nicht von rechts unterscheiden beziehungsweise Rechtsextreme nicht einmal als solche benennen können.

          „Ein wesentliches Kriterium journalistischer Sorgfalt ist es, nur das als Fakt darzustellen, was auch wirklich sicher verifiziert werden kann“: dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger.

          Gegen diesen Aufschrei twitterte der Nachrichtenchef der dpa, Froben Homburger, ein wenig an. Und erklärte im Fachdienst „Kress“ jetzt auch für die schnellen Eiferer sehr anschaulich, wie die Dinge möglichst zutreffend beschreibender Nachrichtenjournalismus formuliert: „Ein wesentliches Kriterium journalistischer Sorgfalt ist es, nur das als Fakt darzustellen, was auch wirklich sicher verifiziert werden kann“, schreibt Homburger. Die Antifa-Leute hätten sich zuordnen lassen, die von diesen Angegriffenen nicht: „Wir hatten vor Ort keine zusätzlichen Hinweise erhalten, keine Parolen gehört, keine Armbewegungen gesehen, keine verdächtige Kleidung.“ Möglicherweise habe man etwas übersehen, sei in diesem Moment aber letztlich auf Mutmaßungen angewiesen gewesen – daher die Formulierung.

          Dafür, dass man die Worte mit Bedacht wähle, zieht Homburger ein anderes aktuelles Beispiel zum selben Thema heran: „Teilnehmer an Protesten und Angriffen gegen Flüchtlinge“ würden „nicht mehr als ,Asylgegner‘ oder ,Asylkritiker“ bezeichnet. Das seien Begriffe, „die den tatsächlichen Sachverhalt verschleiern und beschönigen“, hatte dpa-Chefredakteur Sven Gösmann kürzlich mitgeteilt. Diese Erklärung wurde von denen, die gemeint sind, in derselben dumpfen Weise angegriffen wie die kurze Meldung aus Heidenau nun von anderer Seite. Von „Linksfaschisten, Staatszerstörern, Meinungsverbrechern, Hass-Journalisten, Gedankenpolizei und Manipulationsterroristen“ sei die Rede gewesen, schreibt Homburger und verweist unter anderem auf einen Online-Artikel aus dem Kopp-Verlag.

          Je genauer die Deutsche Presse-Agentur formuliert, so scheint es, desto heftiger, oberflächlicher, tumber wird sie kritisiert – von rechts oder von links. Das darf die Nachrichtenagentur ruhig als Auszeichnung verstehen.

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