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Sammel-App für Freiheitspunkte : Wer seine Daten liefert, bekommt ein Stückchen Freiheit

  • -Aktualisiert am

Sie lieben vor allem unsere Daten: Der Schriftsteller Douglas Coupland will beim Einkauf lieber Freiheits- statt Deutschlandpunkte sammeln. Bild: dpa

Der Schriftsteller und Google-Stipendiat Douglas Coupland hat eine Idee: Wie wäre es, den Menschen ihre Rechte im Internet zu verkaufen? Über die App Wonkr sollen sie sich beim Einkauf wertvolle Freiheitspunkte verdienen.

          Algorithmen bringen Paare und Freunde zusammen - und womöglich bald politisch Gleichgesinnte. Der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland, zurzeit „artist in residence“ beim Google Cultural Institute in Paris, sinnierte in einem Beitrag für die „Financial Times“ kürzlich darüber, eine App namens „Wonkr“ (abgeleitet vom englischen „wonk“, Streber) zu entwickeln. Die Applikation würde dem Nutzer einen Fragebogen schicken, um die politische Haltung zu eruieren: „Wonkrs Aufgabe ist es, die politische Temperatur in einem belebten Raum zu ermitteln. Ist man unter Freunden oder Feinden?“ Der Idee liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Menschen mit ähnlichen politischen Präferenzen eher zueinander gesellen als solche mit unterschiedlichen Sichtweisen. Wenn man in einem Restaurant in Nashville landet, könnte die App sagen, dass 73 Prozent der Gäste mit den Republikanern sympathisieren. Und wenn man in einem Lesezirkel in New York ist, dass 80 Prozent Demokraten wählen. Voraussetzung ist, dass entsprechend viele Leute die App nutzen.

          In gewisser Weise ist Wonkr ein alter Hut. Amazon kann aufgrund der Buchbestellungen recht genau einschätzen, welcher Kunde welche politischen Ansichten vertritt. Auch Google kann anhand der Sucheingaben Präferenzen ableiten. Politische Daten sind wertvoll, denn mit ihnen lassen sich Wähler mobilisieren. Coupland weiß, dass wir Unmengen solcher Daten und Metadaten produzieren. Warum, fragt er sich, verwandeln wir diese Datensammlung nicht von etwas, das Unbehagen auslöst, in etwas, das alle für wünschenswert halten und unterstützen wollen? Ganz einfach, meint Coupland, indem man eine Metadaten-Version von Wonkr erfindet, die diese Datenberge in ein Punktesystem überführen: in Freiheitspunkte.

          Politische Äußerung nur ohne Privatsphäre

          „Jedes Mal, wenn Sie Daten generieren, in welcher Form auch immer, fallen Freiheitspunkte an“, sagt er. Manche Daten wären wertvoller als andere, eine Reise nach Moskau etwa brächte mehr Punkte ein als ein Besuch im nächsten Supermarkt. Man sammelte Freiheitspunkte wie Payback-Punkte. Die Freiheitspunkte, führt Coupland aus, würden einem erlauben, seine Bürgerrechte in moderner Weise auszuüben. Mit einer gewissen Anzahl Punkten könnte man sein Strafregister löschen. Wer mehr Punkte auf dem Konto hätte, könnte sich ein paar Straftaten „leisten“ oder sich als Verkehrssünder von einem Freiwilligendienst befreien lassen: Freiheit als geldwerter Vorteil, den man sich erkaufen kann. Wer auch nur länger als zwölf Sekunden über das Konzept der Freiheitspunkte nachdenke, so Coupland, müsse einsehen, dass kein Weg daran vorbeiführe. Jeder von uns müsse schon jetzt Daten preisgeben, um Teil der Weltgemeinschaft zu sein. Da liege es nahe, die Gleichung aufzumachen: mehr Daten gleich mehr Freiheit.

          Der Kanadier Douglas Coupland an einer Berliner Baustelle.

          Man weiß nicht, ob Douglas Coupland, der mit seinem Erstling „Generation X“ 1991 einen Bestseller landete und seither als literarischer Chronist des Computerzeitalters gilt, einen idealtypischen Zustand oder eine Dystopie zeichnet, in der wir wie in seinem Werk „Mikrosklaven“ zu emotional verkrüppelten Computermenschen degenerieren. Die Vision ist in jedem Fall beklemmend. In ihr steht die Freiheit des Individuums nicht am Anfang, sie entwickelt sich gewissermaßen als Nebenprodukt der Konsum- und Datenindustrie. Das klingt nach einer Zukunft, in der man Treuepunkte sammeln muss, um in den Genuss elementarer Freiheitsrechte zu kommen. Man kann sich politisch nur äußern, wenn man seine Privatsphäre aufgibt.

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