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ZDF-Film „Die siebte Stunde“ : Die Büchse von Andorra

  • -Aktualisiert am

Verbotenes Buch? Der Anwalt Vernau (Jan Josef Liefers) rätselt, was es mit der Schul-Lektüre auf sich hat. Bild: ZDF / Conny Klein

Im ZDF soll Jan Josef Liefers als Anwalt reiche Sprösslinge an einem Privatgymnasium unterrichten. Die feiern schwarze Messen und proben groteske Rollenspiele. Grotesk ist leider auch der ganze Film.

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          In England lief zum Jahresbeginn eine genial zwischen den Jahrhunderten springende Sonderfolge von „Sherlock“: erfrischend überforderndes Fernsehen voller intertextueller Finessen. Bei uns ein Event-„Tatort“ mit Helene Fischer, und nun gibt es einen Erotik-Mystery-Anwalts-Thriller mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle - eine Talentverschwendung sondergleichen.

          Denn bereits der Plot - Elisabeth Herrmann hat das Drehbuch nach ihrem Roman verfasst - ist von ausgesuchter Einfalt. Der Berliner Anwalt Joachim Vernau soll die Jura-AG an einem Privatgymnasium für Reichen-Sprösslinge übernehmen. Es geht es darum, den „Teen Court“ juristisch zu begleiten, eine der Tyrannei alle Pforten öffnende Schülergerichtsbarkeit. „Sie sitzen quasi über sich selbst zu Gericht“, fasst die Rektorin (Sophie von Kessel) das Prinzip gegenüber Vernaus Kollegin Marie Louise (Stefanie Stappenbeck) zusammen. Die spielt anders als in den drei früheren Episoden der Serie diesmal keine sonderlich wichtige Rolle.

          Vernau legt los, und binnen Minuten macht der Film eine atemlose Wandlung durch vom „Club der toten Dichter“ über „Fack ju Göhte“ zum B-Thriller mit schmierigem Okkultismus-Touch. Die Jura-AG hat es mit Rollenspielen, schwarzen Messen und trancehaften Kopulationen. Damit nicht genug, scheint ein Rachefeldzug für einen angeblichen Liebeskummer-Freitod im Kostüm der „schwarzen Königin“ im Gange.

          Der Anwalt stolpert über Drohungen und weitere Tote, plustert sich aber auf: „Solange das meine Klasse ist, lass ich keinen von denen im Stich.“ Jeden interessanten Aspekt (Segregation, Bildung als Ware, Realitätsverlust der Internetgeneration) verliert die Regie von Carlo Rola aus den Augen. Es bleiben dümmliche Dialoge, aufdringlich falsche Spuren und windelweiches Pathos, das in der Quasigericht-Schlussszene seinen Höhepunkt erreicht.

          Münster-„Tatort“-Flair durfte auch nicht fehlen. In einer Nebenhandlung gründen zwei Marihuana anbauende Omas - eine ist Vernaus Mutter - eine WG mit „Supergeil“-Opa Friedrich Liechtenstein, weshalb der Protagonist eine alte Zinkbadewanne mit sich herumschleppt. „Die Büchse von Andorra“ hätten die Schüler geöffnet, erklärt ein Rollenspielprofi dem Anwalt. „Pandora“, korrigiert Vernau und schiebt resigniert nach: „Ist egal.“ Nein, lautet die Antwort, wir haben solche lieblosen Genre- und Motivmixturen aus der Konserve satt.

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