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Dorfkinder über #Dorfkinder : Nimm den Bus oder die Axt

Wider den Strick: Dorfkind mit seiner ersten Axt. Bild: ddp

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagt in seiner #Dorfkinder-Kampagne, es wolle den Blick auf Menschen lenken. Die sagen auf Twitter: Dorfkinder sind doof und ständig besoffen. Dorfkinder sagen: Lauft!

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          Die Kollegen sagen, ich käme aus „Nochnichtmalcelle“. Solche, die in „Nochnichtmalcelle“ gewohnt haben, sagen: „Wer hier wohnt, braucht entweder ein Auto oder einen Strick.“ Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagt in seiner #Dorfkinder-Kampagne „für die ländlichen Regionen in Deutschland“, es wolle den Blick auf Menschen lenken, „die Tag für Tag daran mitwirken, die Dörfer und Landgemeinden voranzubringen – mit Engagement, Ideen, Leidenschaft“. Stadtkinder sagen auf Twitter: Dorfkinder sind doof und ständig besoffen. Dorfkinder sagen auf Twitter: Ihr seid weich und habt keine Ahnung. Aber das sind schon lange keine Dorfkinder mehr. Richtig ist: Dorfkinder twittern nicht.

          Wenn wir sechs Jahre alt, also ein vollwertiges Mitglied der Dorfgemeinschaft sind, bekommen wir Briefpapier, einen Inky von Pelikan, ein Wählscheibentelefon und eine Axt. Zur Schule reiten wir auf Wölfen, Bären oder Mountainbikes; wer auf weiterführende Schulen geht, nimmt den Bus oder einen Strick. Pausenbrote werden bei uns mit ausrangierten Politikern belegt und auf dem Pausenhof getauscht oder entsorgt. Beim Schlachter (oder im Hofladen) bekommen wir (auch in der Stadt) immer noch eine Scheibe Jagdwurst oder ein Stück Käse auf die Hand. Wir können uns außerdem von Tiefkühlkost ernähren, ohne dass sie aufgewärmt werden müsste.

          Alkohol: Wenn das Klischee stimmt, dass auf dem Dorf mehr getrunken wird, dann aus dem einfachen Grund, dass man in der Stadt kaum Zeit zum Trinken hat – weil man ja die ganze Zeit davon erzählen muss. Und eins noch: Hans-Jürgen verträgt einfach keinen Pfefferminzlikör. Es heißt auf Twitter, wir hätten die „besten Hunde“, wir haben aber nur die gefährlichsten. Bis wir in die erste Klasse kommen, ist der einzige Freund, den wir kennen, unsere Axt. Das ist gut. Sie redet nicht so viel, oder selten. Genauso unser zweiter Freund: der Busfahrer. „Anderssein“: Wenn die Winter kalt, die Nächte lang und die Busse ausgefallen sind, gehen wir oft mehr als dreißig Kilometer in die Schule. Barfuß, denn das Schuhgeschäft ist ja in der Stadt. Um einander in der ungewohnten Umgebung der Stadt zu erkennen, tragen wir die Zähne der auf unseren Wanderungen erschlagenen Tiere um den Hals. Auf dem Dorf heißt „Anderssein“ deshalb nicht: „Ach, guck mal, witzige Frisur.“ Sondern: Lauf! Nur Hexenverbrennung und Lynchmord gibt es bei uns nicht mehr so oft. Das haben wir erfolgreich in soziale Netzwerke ausgelagert.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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