https://www.faz.net/-gqz-96d1s

„Die Notlüge“ in der ARD : Doppelt gelogen hält wieder

  • -Aktualisiert am

Heillos überfordert: Josef Hader als Patchwork-Patriarch Hubert mit dessen Tochter Paula (Miriam Schwarz). Bild: SWR/ORF/Stefan Haring

Patchwork ist ein Haufen Arbeit: Ein österreichischer Familienfestkatastrophenfilm mit Josef Hader hält der modernen Beziehungsökonomie einen Narrenspiegel vor

          3 Min.

          Familien, auch die zeitgenössischen, sind Foltergemeinschaften mit Herz. Den Anfang macht hier das Beutekind Paula (Miriam Schwarz), das der schlanken Patricia seinen Roller anbietet mit den Worten: „Du kannst auch mal fahren, der geht bis hundert Kilo.“ Dann folgt der Auftritt der schwangeren Exfrau Helga (Brigitte Hobmeier): „Schaust müde aus, lange gefeiert?“ Helgas neuer Freund, der joviale Wolfi (Andreas Kiendl), reißt unterdessen Witze angesichts des mitgebrachten Küchenungetüms: „Es ist lustig, alles was der Hubert nicht mehr braucht, kriege ich. Zuerst die Frau, dann den Kühlschrank, bin schon gespannt, was als Nächstes kommt.“ Dass die Laune von Huberts neuer Freundin Patricia angegriffen wirkt, kann man verstehen. Und da ist von der titelgebenden Notlüge noch gar nichts zu sehen. Sie besteht darin, vor Huberts altersschwacher Mutter, zu deren Geburtstag alle anreisen, das Patchwork-Tohuwabohu – und damit die neuen Partner – zu verleugnen. Patricia muss mitspielen.

          Kaum aber ist dieses Fenster geöffnet, zerfällt im Angesicht der Pseudo-Idylle (glückliche Ehe, weiteres Kind) die ultramoderne Autosuggestion des Wir-lieben-uns-doch-alle in ihre Einzelteile: Unzählige Missverständnisse, Lügen und Verletzungen bahnen sich gnadenlos ihren Weg an die Oberfläche, neue Allianzen entstehen, die niedlich schrecklichen Kinder schießen quer. Die Situation wird immer verfahrener, entgleitet aber nicht völlig. Es bleibt eben alles: in der Familie.

          Für Katzenliebhaber ist der Film ohnehin schwere Kost.

          Jeder freundliche Satz scheint nun vergiftet. Im Zusammenhang mit Patricias Katzen etwa entspinnt sich unter den Qualverwandten folgender Dialog: „Dürfen die ins Haus?“ – „Das sind Wohnungskatzen.“ – „Die Armen, immer eingesperrt.“ – „Das macht ihnen nichts, die kennen’s ja nicht anders.“ – „Kann man so nicht sagen. Wenn man’s sich nicht selbst aussucht.“ – „Doch, die sind glücklich in ihren vier Wänden.“ – „Die Kampusch war auch nicht glücklich in ihren vier Wänden.“ – „Na ja, die war auch nicht von Geburt an drin.“ Nebenbei: Für Katzenliebhaber ist der Film ohnehin schwere Kost.

          Das Zentralgestirn dieser Familie ist der dauerlächelnde, fröhlich egozentrische Hubert, ein erfolgreicher Fernsehmoderator, hier jedoch gleich mehrfach überfordert als Sohn, Partner, Vater und „Dukatenscheißer“: eine Paraderolle für Josef Hader, den komischsten Österreicher seit dem mythischen Grafen Bobby. Patricia wird gespielt von Haders Partnerin Pia Hierzegger, die auch das vor herrlichen Bösartigkeiten nur so funkelnde Drehbuch verfasst hat (womit dieser Film das Gegenstück zu Haders „Wilder Maus“ darstellt). In der grandiosen Begabung, die sogenannte Normalität punktgenau bei ihren Idiosynkrasien zu packen und der Lächerlichkeit eine eigene, achtbare Statur zu verleihen, kommen Hader und Hierzegger nah an Loriot, den Großmeister der entlarvenden Alltagsbeobachtung, heran. Nur dass hier alles sehr viel österreichischer abläuft als bei diesem, deftiger, zotiger, leidensbereiter. Wenn’s weh tut, wird halt gesoffen.

          Haders Hubert ist das Urbild des modernen Mannes, der sich offen zeigt für alle Konzepte, solange seine bittschön moderaten Wünsche berücksichtigt werden und ansonsten einigermaßen Ruhe an der Befindlichkeitsfront herrscht. Ihn zeichnet das gesunde Märtyrerbewusstsein des Allen-alles-recht-Machers aus. Auf die Frage, warum er Helga geheiratet hat, fällt ihm ein: „Wenn du zum Beispiel auf der Intensivstation liegst, dann kann die Ehefrau immer zu dir. Die Freundin – kann auch zu dir, aber es ist halt komplizierter.“ Meist versteht er das Problem gar nicht, das die Frauen mit ihm haben. Weichei Wolfi, der Sensible, ist da ganz anders, fragt sich aber, warum die Frauen mitunter trotzdem mehr an Hubert zu finden scheinen, dem sie doch unablässig seine Deppertheit vorhalten.

          Dass aus der überschaubaren, nicht ganz neuen Idee einer offensiven Verwechslungskomödie vor alter Dame – die sich schließlich natürlich viel offener zeigt als gedacht – ein so überzeugender und tiefenlustiger Film geworden ist, liegt neben der perfekt verdichtenden Regie von Marie Kreutzer und den treffend bissigen, wahnsinnig komischen, aber nie ins Flapsige kippenden Dialogen an einem klug ausgewählten Ensemble. Mit Ausnahme des freilich bereits übertrieben weltfremd angelegten Nachbarn, der als steirischer Hinterwäldler noch mit Modem ins Internet geht, ist hier jede Figur so glaubhaft gespielt, dass man alte Bekannte vor sich wähnt. Einmal durch die Lüge hindurchgeschritten, bekommt dann auch die Wahrheit eine zweite Chance. Der Schluss hätte gern ein wenig bösartiger ausfallen dürfen, aber so sind sie eben, die Familien: Man verzeiht sich nichts und liebt sich trotzdem.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angst vor Corona : Dreist in der Krise

          Patienten, die lügen, um den Doktor zu sprechen. Ärzte, die fiktive Impfungen anbieten. Menschen, die die Corona-Krise immer noch für einen Medienhype halten. Nicht nur an den Supermarktregalen provoziert das Virus allerlei problematisches Verhalten.

          Corona und die Religionen : Die unsichtbare Frontlinie

          Staatstragenden Religionsgemeinschaften fällt es besonders schwer, Gotteshäuser zu schließen. Doch jetzt bezeichnet selbst Putins Beichtvater die Selbstisolation als heilige Christenpflicht im Weltkrieg gegen die Krankheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.