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WDR-Reporter überrumpelt : Stell dir vor, das russische Staatsfernsehen kommt

Aus Sicht des Überfallenen gestaltet sich die Sache anders. Noch am Mittwoch hatte Hajo Seppelt in seiner vierten Doping-Dokumentation zu den Verhältnissen im russischen Sport berichtet. Dabei ging es nicht nur um Doping in der Leichtathletik, sondern auch im Fußball, um belastete Trainer, die heimlich weiterarbeiten und um besagten Sportminister Witalij Mutko, der höchstpersönlich an der Vertuschung eines Dopingfalls bei dem Verein FK Krasnodar beteiligt gewesen sei. Mutko ist Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa und verantwortlich für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

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Das russische Staatsfernsehen hatte also allen Grund, dem WDR-Rechercheur Seppelt auf die Pelle zu rücken, der das Drehteam in einem Hotelzimmer empfing. Das Interview habe ganz normal begonnen, sagt Hajo Seppelt im Gespräch mit dieser Zeitung, nach fünfzehn, zwanzig Minuten habe er jedoch festgestellt, dass die Fragen immer eigentümlicher und zu Beschuldigungen wurden. Irgendwann habe er gemerkt, dass es nur darum ging, zu provozieren, das Team filmte immer weiter, nicht nur ihn und die Interviewerin, sondern auch im Schlafzimmer. Er habe das mehrfach untersagt und das Gespräch schließlich beendet, das Band gefordert und vom Drehteam verlangt, sein Appartement zu verlassen. Die Crew sei aber einfach nicht gegangen und habe weitergefilmt, nach einer halben Stunde habe er Olga Skabejewa hinaus expediert. Er habe die Security des Hotels gerufen, doch auch im Treppenhaus und auf der Straße habe sich der Tumult fortgesetzt, bis er die Polizei rief und die Crew des russischen Staatsfernsehens geflüchtet sei.

„Es ging gar nicht um die Sache“

Er müsse sich, sagt Seppelt, „den Vorwurf machen, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass das Gespräch provozieren sollte und es eigentlich gar nicht um die Sache ging. Dass mir der Kragen geplatzt ist, nachdem ich eine halbe Stunde vergeblich darum gebeten habe, das Hotelappartement zu verlassen, war vielleicht nicht die feine Art, aber menschlich vielleicht nachvollziehbar. Und für mich in dem Moment alternativlos. Mir war auch nicht klar, dass nach meiner Aufforderung, die Kamera auszuschalten, weiterhin gefilmt wurde, auch in meinem Schlafzimmer. Ich habe viel Erfahrung mit Interviews weltweit, aber ich hatte noch nicht die Erfahrung, was es heißt, wenn das russische Staatsfernsehen kommt.“

Die Tatsache, dass das Team des russischen Staatsfernsehens so aufgetreten und bis in seinen intimsten Bereich vorgedrungen sei, sagte Seppelt, „zeigt mir persönlich, dass es offenbar darum ging, meine Arbeit zu diskreditieren. Es beweist mir, wie unglaublich wichtig das Thema eines staatlichen Dopingsystems für Russland zu sein scheint.“ Es könne sein, dass Russlands Leichtathleten am 17. Juni vom Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Er habe „den Eindruck, als sollten die Whistleblower Julia und Witali Stepanow und ich jetzt zu Staatsfeinden stilisiert werden, damit man jemanden hat, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn Russland tatsächlich ausgeschlossen wird. Wenn auch der Kreml-Sprecher sich dazu äußert, zeigt das, welchen Rang das Thema hat. Es wird als Angriff auf den Kreml ausgelegt. Wir haben mit unserem Film offensichtlich den schlimmsten Nerv getroffen.“ Diesen Eindruck dürfte der Auftritt von Olga Skabejewa für das russische Staatsfernsehen unterstrichen haben.

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