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Donna Leon: Stille Wasser : Addio, commissario!

Ganz in weiß: Uwe Kokisch fährt ein letztes Mal als Commissario Brunetti aus. Bild: ARD Degeto/Nicolas Maack

Alles ist vergänglich, wo wüsste man das besser als in der sinkenden Pracht Venedigs: Zu Weihnachten hat Uwe Kockisch in Donna Leons „Stille Wasser“ seinen letzten Auftritt als Guido Brunetti.

          3 Min.

          Dass eine Amerikanerin mit Kriminalromanen, die in Venedig spielen und von ihr wohlweislich überall, bloß nicht in Italien unters Lesevolk gebracht wurden, eine immer noch andauernde internationale Erfolgsgeschichte schrieb, mag man verblüffend finden. Dass sie vor allem in Deutschland geliebt wird und die Verfilmung von Donna Leons Romanen um commissario Guido Brunetti, gedreht für die ARD in der serenissima, besetzt mit deutschsprachigen Schauspielern, die sich über Kanäle hinweg ein ciao zur Begrüßung zuwerfen und mit steifem Rachen-R sergente, vice questore und so weiter nennen, über fast zwei Jahrzehnte hinweg lebhaften Zuspruch fand, ist dagegen kein Wunder.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auslandsermittler mit teutonischem Akzent kennt und liebt man hierzulande, seit Heinz Rühmann als Pater Brown durch England in Schwarz-Weiß stapfte. Ein ganzes Heer Kollegen, von Jürgen Tarrach bis Désirée Nosbusch, folgt heute vor touristisch reizvollen Kulissen im Fernsehen seinem Beispiel. Dass Venedig-Krimis ihnen entscheidend den Weg ebneten, scheint zwangsläufig. Zu groß ist die Verliebtheit der Deutschen in das Land, wo die Zitronen blühen, zu tief sitzt der Wunsch, dort bitte nicht auf den ersten Blick als Tourist von nördlich der Alpen aufzufallen. Und dann ist da versteckt in bundesrepublikanischen Seelenwinkeln noch das geheime Traumbild vom sonnenbeschienen Deutschen als besserem Italiener. Sauberkeit, Ordnung, keine Korruption und zugleich dolce far niente vor Bilderbuchkulisse mit grande bellezza – ach, wäre das nicht schön?

          Die Filmreihe „Donna Leon“ im Ersten bediente solche schrägen Sehnsüchte zuverlässig und – da stets gut gesetzt – so stilvoll es eben geht, ohne im klebrigen Unterhaltungssumpf wie ihre ältere Schwester „Rosamunde Pilcher“ beim Zweiten zu versinken. Nach der Eingangsmelodie von André Rieu geht es schließlich um Morde am Canale Grande, nicht um Liebeswirren in Cornwall. Nun ist trotzdem Schluss, und Bunetti löst in „Stille Wasser“ seinen letzten Fall in öffentlich-rechtlichem Auftrag.

          Auszeit: Brunetti (Uwe Kockisch, li.) und Davide Casati (Hermann Beyer).

          Das dürfte wenig mit Diskussionen in Hollywood darüber zu tun hat, wer was spielen darf, also ob Weiße als Schwarze, Heterosexuelle als Transgender und so weiter auftreten dürfen. „Italofacing“ fällt offensichtlich noch unter die karnevalesken Unterhaltungsprivilegien des hiesigen Fernsehens. Aber wenn Hochbetagte Berufstätige diesseits der Pensionsgrenze spielen, lässt sich das nicht ewig fortführen. Man sieht es Uwe Kockisch nicht an, der 2003 unter der Regie von Sigi Rothemund nach vier Episoden mit Joachim Król als Brunetti die Hauptrolle übernahm, aber er ist Jahrgang 1944. Seinen im Finale abwesenden, weil „auf dem Jakobsweg“ pilgernden Chef Patta verkörperte von der ersten Folge an der inzwischen siebenundachtzigjährige Michael Degen. Da wirkte der Titel der fünfundzwanzigsten und vorletzten Episode „Ewige Jugend“ durchaus ironisch. Es erscheint treffend, dass Brunetti sich bei seinem Abschiedsauftritt körperlich gesund, doch seelisch angeschlagen und psychosomatisch malade zeigt.

          Das Herz leidet, wenn einer sich immerzu über von Mördern niedergestreckte Todesopfer beugen muss, immer zu spät, um ihr Schicksal noch zu wenden. Damit der commissario sich von einem akuten Schwächeanfall erhole, hat ihn seine Gattin Paola (Julia Jäger) auf eine kleinere Insel in der Lagune expediert, wo er das leerstehende Landhaus einer noblen Verwandten hüten darf. Der Kommissar verbringt die Zeit sinnend und rudernd mit einem alten Freund seines Vaters, dem Bienen züchtenden und vom Umweltschutz umgetriebenen Rentner Davide Casati (Hermann Beyer). Es könnte alles so schön sein, das Licht auf dem Wasser, der Wind in den Gräsern (Kamera Dragan Rogulj), wenn wir nicht von Anfang an wüssten, dass Brunetti den Alten bald tot, offensichtlich ermordet, aus den Fluten bergen wird. Eine Weile gelingt es ihm, sich aus den Ermittlungen herauszuhalten, die ein Kollege führt. Dann ignoriert er seine Krankschreibung und übernimmt selbst wieder, wie stets von dem sanft lächelnden, alles erduldenden sergente Vianello (Karl Fischer) begleitet.

          Überhaupt ist alles wie immer in diesem von den Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen adaptierten Krimi. Der Verdacht richtet sich erst dahin, dann dorthin: erst auf mit der Polizei verbandelte Artischockenbauern, deren Pestizide womöglich Casatis Immen töteten, dann auf einen Chemiekonzern, schließlich auf das Umfeld des Toten. Die kleine, feine Gastrolle des Krimis darf dieses Mal Suzanne von Borsódy spielen. Brunettis Lieben, seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder, greifen helfend ein. Man ruft einander vorzugsweise an, während der eine gerade über den Markusplatz flaniert und der andere im Begriff ist, sich im weißen Leinenanzug auf ein putziges dreirädiges Lastenmobil zu schwingen. Schließlich findet alles ein juristisch unsauberes, aber menschlich einwandfreies Ende – dank Brunetti, dem von Uwe Kockisch einmal mehr feinfühlig gezeichneten Melancholiker.

          Alles ist vergänglich, wo wüsste man das besser als in der sinkenden Pracht Venedigs, und auch diese handwerklich einwandfreie Realitätsflucht-Muse der leichten Art muss einmal den Dienst quittieren. Fans von Brunetti bleibt der Trost, dass Donna Leon nach „Stille Wasser“ noch zwei weitere Krimis um den Kommissar geschrieben hat, „Heimliche Versuchung“ und, erst in diesem Jahr auf Deutsch erschienen, „Ein Sohn ist uns gegeben“. Ans Aufhören denkt sie nicht.

          Donna Leon: Stille Wasser, am Ersten Weihnachtstag, 25. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

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