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„Don't Look Up“ bei Netflix : Eine Metapher, so groß wie der Mount Everest

Fingerzeig: Meryl Streep als amerikanische Präsidentin Janie Orlean Bild: Netflix

Adam McKays Filmsatire „Don’t Look Up“ erzählt von verlogenen Politikern, zynischen Medien und einem verblödenden Volk. Und vom Weltuntergang, was ein Vergnügen ist.

          4 Min.

          Die Welt, das wissen die meisten Kinogänger, ist am schönsten und am schrecklichsten in den Momenten, da sie untergeht: wenn kilometerhohe Wellen die Türme der Insel Manhattan knicken; wenn sich die Erde auftut und Los Angeles versinkt; wenn Meteore das Meer teilen oder glühende Metalle aus dem Erdkern nach oben schießen. Man kann sich kaum wehren gegen den Schrecken. Und spürt doch, wenn der Film zu Ende geht, eine gute Laune, die schon davon kommt, dass da draußen, in der Wirklichkeit, wundersamerweise alles unbeschädigt ist.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein halbwegs glaubwürdiger Weltuntergang wird von den Filmstudios in diesen Tagen mit mindestens 200 Millionen Dollar budgetiert – und Adam McKays Weltuntergangsfilm „Don’t Look Up“ weicht nicht nur wegen seiner vergleichsweise geringen Kosten von der Norm des Genres ab: Weniger als hundert Millionen soll er gekostet haben, was kaum ein Zuschauer als Mangel empfinden wird. Denn seinen Mehrwert, das suggerieren alle Absichtserklärungen des Regisseurs und die meisten Posts der Zuschauer in den gängigen Netzwerken, verdankt der Film der allgemein als richtig und verbindlich angenommenen Interpretation, wonach, wenn der Abspann gelaufen ist, da draußen nichts mehr beim Alten ist: Der Weltuntergang wird kommen, aus Gründen, die der Film beschrieben hat. Nur dass es etwas länger dauern wird als die 138 Minuten von „Don’t Look Up“.

          Eine Doktorandin der Astronomie (Jennifer Lawrence) entdeckt einen Kometen, ihr Professor (Leonardo DiCaprio) berechnet die Flugbahn und die Größe: Der Brocken ist zehn Kilometer dick und wird in einem halben Jahr mit der Erde zusammenstoßen, was, wenn kein Wunder geschieht, das Ende der menschlichen Zivilisation, womöglich sogar allen Lebens auf dem Planeten zur Folge hätte. Und dann versuchen die Studentin und der Professor, das Volk zu warnen, die Medien zu alarmieren und die Präsidentin (Meryl Streep) dazu zu drängen, den Kometen mit allen verfügbaren Atombomben zu beschießen, damit das Riesending aus der Flugbahn geworfen werde. Was leider misslingt, weil die Leute einfach andere Sorgen haben. Sie finden den Professor sexy, aber die Studentin hysterisch. Die Medien machen Quote mit einem Sexskandal der Präsidentin. Die Politik will keine Panik schüren. Und in den sozialen Netzwerken sind alle viel zu gerührt von der Liebesgeschichte einer Popsängerin (Ariana Grande), als dass sie noch Aufmerksamkeit übrig hätten für den Untergang der Welt.

          Die Katastrophe im Schnelldurchlauf

          Der Komet, so muss man das wohl sehen, ist eine Metapher, so groß wie der Mount Everest – und wenn Adam McKay über seinen Film und dessen Botschaft spricht, vergrößert und vergröbert er diese Lesart nur noch: Die Politik sei völlig verrottet, die Medien seien amoralisch und zynisch und das Volk, das sich in den Twitter- oder Instagram-Blasen seine Meinung bildet, auf dem Weg in die Verblödung. Und genau so wird der Film in diesen Netzwerken auch wahrgenommen: als Satire über Verhältnisse, die ihrerseits schon satirisch wären, wenn sie nicht auf die ökologische Katastrophe hinausliefen. Als nur leicht übertriebenes Reenactment von Gesamtzusammenhängen, in denen Donald Trump tatsächlich Präsident wurde und die Leute andere Prioritäten haben als die Rettung der Welt. Als Zeitrafferversion der Katastrophe, die uns droht. Nur dass man das nach eineinhalb Stunden verstanden hat, der Film dann aber noch eine Dreiviertelstunde weitergeht.

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