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Dokusoap : Ia Landeier auf Zeit

  • -Aktualisiert am

Gülcan und Collien - volkstümlicher als Marianne und Michael? Bild: obs

Mit „Gülcan und Collien ziehen aufs Land“ setzt Pro Sieben auf die Erfolgswelle bäuerlicher Dokusoaps und befriedigt das Bedürfnis nach Schadenfreude markenbewusster Großstädter.

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          Angefangen hat es nicht mit den „Waltons“. Auch nicht mit Landärzten oder Mittelgebirgskliniken. Die Rückbesinnung des Fernsehens auf die heimische Scholle begann im „Schwarzwaldhaus“, als die ARD das Rad der Geschichte um hundert Jahre auf 1902 zurückdrehte und ein paar deutsch-türkische Hauptstädter wie lehenspflichtige Bauern schuften ließ. Die „Reality-Dokusoap“ war eine Art „Big Brother“ für Landeier auf Zeit, mit echter Erschöpfung und geschlachteten Hühnern. Vor allem aber war es ein Impuls: Sechs Millionen Zuschauer bezeugten die Sogwirkung des Existenztauschs, seither verpflanzt das Fernsehen Menschen in neue Umfelder, mit Vorliebe städtische aufs Land.

          So werden Frauen, Berufe, Lebensmittelpunkte und ganze Epochen getauscht. Kabel 1 schickte 2004 ein paar Wuppertaler auf den Bauernhof, nannte es „Hilfe, die Großstädter kommen!“ und startete trotz magerer Quoten die Reihe „Familie hin - Familie her. Wir tauschen unser Leben“ - diesmal also in beide Richtungen. Und bevor RTL im vergangenen Jahr „Familien auf dem Land“ observierte, ging der Sender zum dritten Mal für ledige Hofbesitzer auf Brautschau. Und „Bauer sucht Frau“ war nicht nur beim jungen Publikum ein Erfolg, sondern auch in der wahren Zielgruppe: Angeblich hat jeder zweite Landwirt zugesehen.

          Eine urbane Illusion zufriedener Kühe

          Dennoch ist es auch die Faszination des anderen, die solche Formate prägt: das provinzielle Verlangen nach Entertainment und Glanz der weiten Welt, mehr aber noch eine urbane Illusion zufriedener Kühe auf saftigen Wiesen in gesunder Luft. Das Ideal harmonischer Koexistenz zwischen Mensch und Tier, ein vages Bedürfnis nach Bodenhaftung. Und andersartiger als im aussterbenden ersten Stand kann das Leben dem dritten unserer global vernetzten Welt, die im laufenden Jahr erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land beherbergt, kaum erscheinen. Kein Wunder, dass Pro Sieben die von der Kamera begleitete Stadtflucht als „Kulturclash-Dokusoap“ bezeichnet.

          Gülcan und Collien besuchen ein Dorffest
          Gülcan und Collien besuchen ein Dorffest : Bild: miha

          Heute Abend ziehen die Viva-Moderatorinnen Gülcan und Collien zu einer bayrischen Bauernfamilie ins oberbayerische Grainbach. Und das ist aus Sicht des ersten der zwei Glamourgirls keine schlichte Show, sondern „der Sprung in ein völlig anderes Leben“. Kein müder Abklatsch der amerikanischen Serie „The Simple Life“ also, in dem Paris Hilton und Nicole Ritchie eine Farm in Arkansas bekicherten. Keine Spur soll nun sein vom „Tussigehabe“ der Töchter aus reichem Hause, sondern „ein krasser Kulturschock“, wie Gülcan betont, deren Hochzeit Pro Sieben schon ausgiebig belichtet hat.

          Flüchtigkeitsfehler

          Der beschworene Kulturschock stellte sich wohl auf beiden Seiten ein. „Wir hatten plötzlich die ganze Küche voller Menschen“, erinnert sich Konrad Estermann an die beiden „Jet-Set-Ladys“ (Pro Sieben) und ihre Entourage aus Filmteam, Maskenbildnern, Kameraleuten. Aber nach ein paar Tagen habe seine sechsköpfige Familie die Scheu abgelegt. „Nette Leud“ seien all die jungen Städter am Set gewesen. Die beiden Hauptfiguren waren dem bodenständigen Mann nach anfänglichen „Bauchschmerzen, ob die wohl eingebildet sind, gleich sympathisch“ und hätten sich bei der Feld-, Stall- und Hausarbeit „geschickt angestellt“. Nur dass die Kameras schon liefen, wenn die echten Bauern um halb sechs aufgestanden sind, das habe ihn dann doch überrascht. Von wegen Kulturschock.

          Dass der Milchviehhof werbewirksam um eine Schweinezucht ergänzt wurde, Bauer Estermann den Trailer mit den Worten „des is a Albtraum“ beendet und das Ganze bei Pro Sieben unter „Celebrity-Dokusoap“ firmiert, können wohl nur Flüchtigkeitsfehler sein. Doch alles lebt ohnehin von inszenierten Widersprüchen: Die beiden modebewussten Moderatorinnen reisen mit fünfzehn Koffern an, müssen ihre Handys aber abgeben, verdienen 2,50 Euro am Tag, gehen jedoch nicht ohne ihre „Stiefelchen von Dior“ aus. So zehrt die Show von der bewährten Mischung aus Fremdheit und Voyeurismus, die Fernsehfigürchen quieken vor scheinbarem Entzücken, wenn es an die Arbeit auf dem Bauernhof geht.

          Das hätte sich die Landwirtschaft nicht träumen lassen

          Gülcan sagt, sie habe auf ihrer dreiwöchigen Landverschickung „etwas total Verrücktes erleben“ wollen. Dabei ist das hochbezahlte Posieren im Stall in etwa so verrückt wie Shoppingflüge rheinischer Konzernerben nach Malibu. Renaturierungen dieser Art sind zwar ein Showkonzept für die Zielgruppe junger Mädchen mit Selbstwahrnehmungsproblemen und schadenfrohen Jungs, wirken aber zugleich wie das Freizeitvergnügen der Generation naturbewusster Modefreaks namens „Lohas“. Pro Sieben verbucht die Serie auf seiner Homepage unter „Lifestyle“. Das hätte sich die Landwirtschaft nie träumen lassen.

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