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„Operation Mondlandung“ : Die Spur der Raketenmänner

  • -Aktualisiert am

Erst V-2, dann Saturn-Rakete: Arthur Rudolph entwickelte fleißig. Bild: WDR/Mauritius/Alamy

Entkommen durch Technik: Eine Dokumentation bei Arte beleuchtet den Anteil deutscher Wissenschaftler mit NS-Vergangenheit an der „Operation Mondlandung“.

          Das Perfide am faustischen Deal aus der Perspektive des armen Mephisto, vulgärjuristisch wohl als gelackmeierter Gläubiger zu bezeichnen, ist der Umstand, dass der Vorteil weiterveräußert werden kann. Die Hölle, heißt das, muss warten. So konnten viele der deutschen Luftfahrttechniker rund um den Raketen-Impresario Wernher von Braun, den Thüringer Ingenieur Arthur Rudolph und den von verbrecherischen Menschenversuchen zumindest gewusst habenden Luftfahrtmediziner Hubertus Strughold nach dem Krieg bruchlos weiterforschen. Im „Dritten Reich“ hatten sie neuartige Antriebstechniken für das nationalsozialistische Waffenprogramm entwickelt, allem voran die V2 genannte „Vergeltungswaffe“, die eigentlich Aggregat 4 (A4) hieß. In den Einrichtungen der Raketenbauer in Peenemünde (Heeresversuchsanstalt) und vor allem in Nordhausen (Mittelbau GmbH) waren Zehntausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge grausam zu Tode gekommen.

          Das amerikanische Militär aber hielt das Wissen der deutschen Ingenieure, wie immer es erworben sein mochte, für so wichtig, dass man über alle moralischen Verstrickungen hinwegsah, zumindest bis die Expertise abgeschöpft war. So kamen in der (zunächst) geheimen „Operation Paperclip“ 1946 mehr als hundert deutsche Wissenschaftler in die Vereinigten Staaten. Sie durften ihre Familien nachholen und erhielten gutdotierte Posten in militärischen Einrichtungen. Weitere Anwerbungen folgten. Nicht alle dieser Forscher waren Parteigänger der Nationalsozialisten gewesen, aber ein linientreuer Überzeugungstäter wie Rudolph galt selbst amerikanischen Militärbehörden, das machen im Film gezeigte Dokumente deutlich, als „hundertprozentiger Nazi“ und „Sicherheitsbedrohung“. Vorgeschlagen wurde für ihn wie für Walter Dornberger, den militärischen Oberbefehlshaber des V2-Projekts, Internierungshaft. Das widersprach jedoch den Plänen der Militärführung, die ihre schützende Hand über die „Raketenmänner“ hielt, selbst als wenige Jahre später die öffentliche Kritik zunahm.

          Arthur Rudolph war einer der deutschen Ingenieure und Techniker, die trotz Nazi-Vergangenheit in die USA gebracht wurden.

          Wernher von Braun, einst SS-Mitglied, aber eben auch Top-Ingenieur und gewinnender Opportunist – der zudem „blendend aussah“, wie seine Sekretärin Dorette Schlidt noch heute, fast hundertjährig, schwärmt –, kam nicht nur ungeschoren davon: Er avancierte nach dem Sputnik-Schock von 1957 und dem Fehlstart einer Marine-Rakete zum „Missileman“ schlechthin. Seine der Army zugeordnete Abteilung wurde 1958 in die neue zivile Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa übernommen und sollte den Demütigungen durch die Sowjetunion etwas entgegensetzen. Die unter von Brauns Leitung entwickelte Jupiter-C-Rakete transportierte 1958 den ersten amerikanischen Satelliten ins All; die Saturn-Raketen, an denen auch Rudolph großen Anteil hatte, bildeten die Grundlage der Apollo-Missionen. Die Mondlandung im Juli 1969 wurde ein Triumph der Deutschen. „Sie waren uns einfach um Jahre voraus“, sagt der Raketeningenieur Brooks Moore, der in von Brauns Team arbeitete.

          Aus dem Luftfahrtmediziner Strughold war ein renommierter Weltraummediziner geworden, der das Überleben in Isolation und Schwerelosigkeit mit Spezialkammern erproben ließ. Die Ergebnisse der Druckkammer- und Kälteexperimente von Dachau, bei denen man Hunderte von Menschen „verbraucht“ hatte, flossen wohl in die Forschungen ein. Ausgerechnet der Aufbruch zum Mond, eine der großen Menschheitsleistungen des vergangenen Jahrhunderts, bot die Möglichkeit zur Reinwaschung einer Wissenschaft, die in blindem Eifer große Schuld auf sich geladen hatte. Milde Zurücksetzungen ereilten manche der Ingenieure später doch noch. Arthur Rudolph etwa musste unter Aufgabe der amerikanischen Staatsbürgerschaft nach Hamburg zurückkehren.

          Die Dokumentation von Jens Nicolai, im Auftrag des WDR von Spiegel TV realisiert und nun im Rahmen des Arte-Themenmonats „Winter of Moon“ erstausgestrahlt, ist eine brave Produktion mit solider Recherche, wenig aufregenden Interviews und fleißiger Verwertung von Archivbildern. Grundsätzlich Neues über die technische Aufholjagd der Amerikaner mitten im Kalten Krieg fördert sie nicht zutage. Ansprechen dürfte der Film vor allem Menschen, die sich sonst zu nachtschlafender Zeit Weltkriegs-Dokus oder Große-Bagger-Reportagen ansehen. Und doch ist es nicht unwichtig, zu Beginn jenes Jahres, in dem der fünfzigste Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung (fünf weitere folgten bis 1972) ausgiebig zelebriert werden dürfte, daran zu erinnern, dass im Jubel über das Machbare nicht die Grenzen des Vertretbaren eingerissen werden. Im Namen des Fortschritts gleich das Diesseits in eine Hölle zu verwandeln – man denke an die ersten genmanipulierten Babys in China –, würde nicht einmal der betuppte Mephisto verstehen.

          Operation Mondlandung, heute, 21.45 Uhr bei Arte.

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