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Enthüllung zu Wirecard-Skandal : Er brachte das Lügengebäude zum Einsturz

  • -Aktualisiert am

Bislang unerkannt: Pav Gill arbeitete als Rechtsberater für das Asiengeschäft bei Wirecard. Irgendwann hatte er genug von dem, was dort angerichtet wurde. Bild: Sky/Sperl Film

Wer mehr über den Wirecard-Skandal wissen will, wird hier fündig: Im Film „Die Milliardenlüge“ packen die aus, die den Riesenbetrug beenden halfen. Vor allem der bisher anonyme Whistleblower Pav Gill.

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          Der Finanzmarkt lebt nicht von Zahlen allein, sondern vor allem von Geschichten, die Anleger mitreißen. Von Unternehmensstories, die in diesem Fall Großinvestoren wie Kleinaktionäre erst euphorisch machten und dann um insgesamt zwanzig Milliarden Euro erleichterten. Es ist die Story von Wirecard, dem Unternehmen, das für insgesamt fast zwei Jahrzehnte Hoffnungsträger der neuen Finanzwelt war. Ein kometenhafter Aufstieg, zu schön, um wahr zu sein. Wirecard, die deutsche Antwort auf das Silicon Valley. Zwanzig Jahre unglaubliches Wachstum, 40000 Prozent Steigerung in fünfzehn Jahren. Nach dem Börsengang Börsenliebling, trotz gelegentlicher „Anfeindungen“ durch Shortseller, die mit fallenden Kursen zwar verdienen, in Wirklichkeit aber schon auf Bilanzfälschungen gestoßen waren.

          2018 die Aufnahme in den DAX. Das Unternehmen ist nun wertvoller als Lufthansa und Deutsche Bank. Wirecard, mit Zahlungsabwicklungen des Online-Porno- und Gambling-Geschäfts groß gewordener Digitaldienstleister, plant schließlich, die fast hundertfünfzigjährige Deutsche Bank zu übernehmen. Das „Wirebank“-Logo ist schon fertig. Bis der systematische Schwindel der Buchführung 2020 auffliegt, 1,9 Milliarden fehlen, die Wirtschaftsprüfer EY und KPMG im Regen stehen, der Kurs in den Keller rauscht und Wirecard Insolvenz anmelden muss. Ihr CEO Markus Braun wird verhaftet; Management-Nummer-Zwei Jan Marsalek, der vermeintliche oder echte Drahtzieher des Skandals, bleibt bis zum heutigen Tag ein Phantom. In der Folgezeit ist viel von seinen Geheimdienstverbindungen und seinen „Männern fürs Grobe“ aus dem Halbweltmilieu, von Einschüchterung und Bedrohung, sogar vom Verschwinden kritischer Mitarbeiter die Rede. Es käme einigen gelegen, Marsalek als Überfigur des operativen Geschäfts und Bösewicht ins Zentrum zu stellen. Vor allem vielleicht Markus Braun. Aber die Sache, so viel scheint sicher, ist wesentlich komplexer, sie hat systematische und strukturelle Komponenten. Nicht nur Firmenmitarbeiter, auch die Regulierungsbehörde Bafin, die Münchner Staatsanwaltschaft, beide früh gewarnt, auch die deutsche Politik, besonders das Finanzressort, müssen sich Fragen gefallen lassen. Der eingesetzte Untersuchungsausschuss hat noch viel zähe Arbeit vor sich.

          Aus der Perspektive der Whistleblower

          Währenddessen nimmt die Verarbeitung des Skandals im Fernsehen und jetzt auch bei Sky Fahrt auf. RTL hatte mit „Der große Fake – Die Wirecard Story“ mit Christoph Maria Herbst als Markus Braun und Franz Hartwig als Jan Marsalek schon einen „Doku-Thriller“ auf Sendung, der den Skandal als eine Art Doppelporträt zweier abgründiger Manager-Charaktere eher konventionell anlegt. Jetzt gibt es die Sky-Dokumentation, die erste eigenproduzierte Doku des Anbieters überhaupt, als „True Crime“-Format, und sie nimmt bewusst eine ganz andere Perspektive ein. Nicht nur dramaturgisch und inhaltlich, sondern auch formal wählen die Produzentin Gabriela Sperl („NSU“-Trilogie) und ihre beiden Regisseure Benji und Jono Bergmann die Perspektive der Whistleblower und beteiligter Investigativjournalisten. Sie rekonstruieren ihre Recherchen und Veröffentlichungen, ihre Verfolgung und Bedrohung – spannend wie im Krimi. Sperl hat außerdem eine fiktionale Serie in Arbeit, die andere Schwerpunkte setzen wird. Hier aber geht es um die eigentlichen Helden, ohne die es keine Aufdeckung gegeben hätte. Ihre (Lebens-)Geschichten spielen die Hauptrolle, ihre Funde und Zweifel, ihre Ängste und Skrupel, das Persönliche als Verantwortung. Fragwürdigkeiten bleiben. Aus dieser Innensicht, sozusagen aus dem Betriebsraum der Finanzbranche, entwickelt sich hier der Wirecard-Skandal zu einer Ermutigungs-Story.

          Wie „Babylon Berlin“ ist „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ das Ergebnis der Kooperation zwischen Sky und öffentlich- rechtlichen Sendern, federführend darunter der RBB. Im letzten Quartal diesen Jahres wird der Film also auch im Ersten Programm zu sehen sein. Als Dokumentation ist er freilich auf ein internationales Publikum hin orientiert, unterscheidet sich mithin nicht nur beim Unterhaltungswert von manchen „Dokudramen“ herkömmlicher deutscher Prägung. Wenn es Wirtschafts- und Zahlenthemen betrifft, gehen beim Fernsehen alle Wissensvermittlungspanikglocken an, nicht selten übernimmt eine Art Seriositätsbremse die Darstellung. Der klassische Wechsel zwischen Archivaufnahmen, Interviews und Spielszenen, der etwa in „Lehman. Gier frisst Herz“ die Finanzwelt als Ort böser Finsterlinge und die Welt betrogener, naiver Sparkassensparer schwarz und weiß gegenüberstellt, ist dafür nur ein Beispiel. Auch diese Dokumentation arbeitet mit – stets sichtbaren – Mitteln der Inszenierung und der Dramatisierung, hat aber ein klareres visuelles Konzept, setzt auf eine modernere „True Crime„-Spannungsdramaturgie, die sich allerdings mit Spekulativem angenehm zurückhält. Offene Fragen, Graubereiche sind klar ersichtlich.

          Die Story von „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ erzählt den Aufstieg und Fall des Hauses wesentlich mit Hilfe des wichtigsten Whistleblowers, der hier zum ersten Mal aus der Anonymität tritt. Pav Gill, so sein Name, wurde von Wirecard engagiert, um als – einziger – Senior Legal Counseler für den Raum Asia Pacific die Rechtskonformität des dortigen Geschäfts zu durchleuchten. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits deutliche Alarmzeichen, etwa die Recherchen des Bloggers JigaJig oder den anonym verbreiteten „Zatarra“-Bericht des britischen Shortsellers Matthew Earl, die beide auch als Protagonisten auftreten. Pav Gill, so erzählt er es, hinterfragt seine Insider-Rolle – und zitiert „Macbeth“. Soll er als Feigenblatt der Ehrbarkeit Dubioses und Verbrecherisches absegnen? Welcher Loyalität verpflichtet er sich?

          Gill berichtet von Einschüchterung und später offener Bedrohung durch leitende Wirecard-Mitarbeiter. Den entscheidenden Antrieb zur Weitergabe belastender Dokumente an die „Financial Times“ gibt seine Mutter. Bei aller immanenter Wertediskussion wahrt „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ die Komplexität. Die Whistleblower sind keine Heiligen. In der Bereitschaft, persönliches Risiko auf sich zu nehmen, ist ihr Handeln ein Vorbild. „Wirecard – Die Milliarden-Lüge“ setzt in dieser Hinsicht konsequent auf Haltung. Der Film wird als Maßstab künftiger Dokumentationen zum Thema Bestand haben.

          Wirecard – Die Milliarden-Lüge, ab sofort bei Sky Ticket und über Sky, ab 27. Mai auf Sky Crime.

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