https://www.faz.net/-gqz-tntk

Dokumentation : Wie gefährlich ist Moskau?

Putin beim russischen Militärgeheimdienst: Seine Freunde oder Feinde? Bild: dpa

Eine Journalistin wird vor ihrer Wohnungstür erschossen, ein Ex-Spion stirbt in London, ein ehemaliger Regierungschef wird vergiftet: Was geht da vor in Rußland? Stimmen aus einem immer dunkler werdenden Land, aufgezeichnet von Kerstin Holm.

          Eine Journalistin wird vor ihrer Wohnungstür erschossen, ein Ex-Spion stirbt in London, in seinem Körper finden sich Spuren radioaktiven Materials, ein ehemaliger Regierungschef wird vergiftet: Was geht da vor in Rußland, und wie sieht das Leben dort heute aus für Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nicht zu schweigen? Stimmen aus einem immer dunkler werdenden Land:

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie gefährlich ist es für Schriftsteller?

          Alina Wituchnowskaja: Ich wurde zweimal zur Einschüchterung ins Gefängnis geworfen. Zweimal bedrohten und verprügelten mich Unbekannte. Einmal im Herbst 2001, nachdem ich auf einer Pressekonferenz in Moskau eine Gruppe jugendlicher Nationalbolschewiken verteidigt hatte, die in Riga Flugblätter vom Turm der Petrikirche herabgeworfen hatten, um auf die Verletzung der Menschenrechte ethnischer Russen in Lettland aufmerksam zu machen. Zwar teile ich die Ansichten der Nationalbolschewiken nicht. Doch die jungen Leute wurden ins Gefängnis geworfen und in einem Schnellgerichtsverfahren wegen angeblichem „Terrorismus“ zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt. Am Tag nach der Pressekonferenz kamen zwei kaukasisch aussehende Männer auf der Straße auf mich zu und sagten mit finsterer Miene, ich solle mich nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angingen. Sie zogen mich in ein Auto, ohrfeigten mich und erklärten, meine Probleme würden so lange nicht aufhören, wie ich mich für die Nationalbolschewiken einsetze. Ich erwiderte, Drohungen würden nur meine Entschlossenheit bestärken. Da bekam ich einen schweren Schlag versetzt. Am Abend fanden mich Nachbarn bewußtlos auf dem Hof unseres Wohnhauses.

          Wer ist Schuld an Litwinenkos Tod?

          Das zweite Mal wurde ich im Mai 2005 überfallen. Damals war innerhalb der unlängst vom Kreml ins Leben gerufenen Patriotenpartei „Rodina“ (Heimat) ein Machtkampf um die Führung der Jugendorganisation entbrannt. Gegen einen Kandidaten, den mir bekannten Schriftsteller Schargunow, war eine Schmierenkampagne in Gang, weshalb ich mich für ihn einsetzte. Wieder griffen mich auf offener Straße kriminell aussehende Männer an, diesmal waren es vier. Einer trug eine Pistole. Wieder hieß es: „Kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen.“ Dann schlugen sie mich zusammen und liefen in verschiedene Richtungen davon. Ich glaube, ich werde angegriffen, weil ich nicht klein beigebe. Viele haben mir nahegelegt, ich solle ins Exil ins Ausland gehen. Aber das Hierbleiben ist für mich eine Frage des Prinzips. Ich glaube, daß Präsident Putin, unter dessen Herrschaft diese Gemeinheiten passieren, ein besonderer Dank gebührt. Denn möglicherweise regeneriert sich die große russische Literatur, wenn sie sich wieder das Recht auf Heldentum, auf Gefängnisstrafe, auf den Tod erwirbt. Der normale Schriftsteller fühlt die Zukunft voraus. Der heroische Schriftsteller aber lebt sie.

          Die Lyrikerin Alina Wituchnowskaja, 33, wurde zwischen 1994 und 1998 wegen angeblichen Drogenhandels mehrfach inhaftiert und verbrachte anderthalb Jahre im Moskauer Butyrka-Gefängnis. Dank der Unterstützung des russischen PEN-Clubs und der internationalen Presseresonanz wurde sie freigelassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, spricht bei der Eröffnung der UN-Konferenz zum Migrationspakt.

          Gipfel in Marokko : UN-Generalsekretär verteidigt den Migrationspakt

          Die internationale Staatengemeinschaft hat am Montag in Marrakesch den UN-Migrationspakt offiziell angenommen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte das Vertragswerk eine „Roadmap zur Vermeidung von Leid und Chaos“.

          Warnstreik : Zugverkehr rollt langsam wieder an

          Nach dem heftigen Streik am Montagmorgen normalisiert sich der Zugverkehr sehr langsam wieder. Die Gewerkschaft droht allerdings schon neue Arbeitsniederlegungen an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.