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Dokumentation über Odenwaldschule : Man hätte das Verbrechen sehen können

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Die Leitung der Odenwaldschule unterstützt den Film über den Kindesmissbrauch. Man habe nur eine Zukunft, wenn man sich dem „düsteren Kapitel der Vergangenheit“ stelle. Bild: dpa

Der WDR dreht einen Film über den sexuellen Missbrauch von Kindern an der Odenwaldschule. Die Beteiligten sind sich bewusst, wie heikel ihr Unterfangen ist. Sie erzählen die Geschichte der Opfer.

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          Mehr als drei Jahre nachdem immer mehr Opfer ihr Schweigen brechen konnten und die perversen Auswüchse an der einst für ihre Reformpädagogik gefeierten Odenwaldschule ans Licht kamen, ist nach Meinung des WDR und der ARD-Produktionsfirma Degeto die Zeit reif für einen Spielfilm über dieses Verbrechen der deutschen Pädagogik. In dieser Woche werden am Originalschauplatz des Internats in Heppenheim die letzten Szenen von „Die Auserwählten“ gedreht, mit Ulrich Tukur und Julia Jentsch in den Hauptrollen. Nächstes Jahr soll der Film, dessen Produktion etwas weniger als zwei Millionen Euro kostet, zur besten Sendezeit im Ersten laufen.

          Der Regisseur Christoph Röhl dürfte mit seiner ganz persönlichen Erfahrung dafür stehen, dass wir einen Film zu sehen bekommen, der von der Bedeutung des Themas zeugt. Der gebürtige Engländer arbeitete während seines Studiums selbst eine Zeitlang als Tutor an der Odenwaldschule. Für seinen 2011 erschienenen Dokumentarfilm „Und wir sind nicht die Einzigen“ über den systematischen Missbrauch von Kindern an der Schule erhielt er eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis. Auch sein nächstes Projekt wird nah an dem Thema sein, dann freilich schon auf internationaler Ebene.

          Eine Geschichte des Scheiterns

          Auf die Sachlichkeit des Dokumentarfilms solle nun die fiktionale Handlung des Spielfilms folgen, um den Zuschauern „einen tieferen emotionalen Zugang“ zu eröffnen, sagt Röhl beim Gespräch am Set. Im Mittelpunkt des Films stehen die Betroffenen, ihre Geschichte wird jedoch vorrangig aus der Perspektive des Schulleiters Pistorius (Tukur) und der Biologielehrerin Petra (Jentsch) erzählt. Es gehe ihm darum, „Täter-Strategien“ zu offenbaren, sagt Röhl. Wegen des hohen Maßes an Angst und Scham funktionierten die Strategien der Missbrauchstäter besonders gut.

          Das Umfeld will die zum Teil von mächtigen Seilschaften verschleierten Taten nicht wahrhaben, die Betroffenen wollen nicht über sie sprechen. Die Missbrauchsopfer in den „Familien“, wie sich die jeweils einem Pädagogen zugeordneten Wohngruppen der Odenwaldschule nannten, hätten Signale gesendet, die nicht beachtet worden seien: „Aber man hätte es sehen können.“ Der Film, dessen Rahmenhandlung in der Gegenwart spielt, zeigt über Rückblenden die bis heute für manche der vorwiegend männlichen Opfer noch immer unaussprechlichen Ereignisse der Vergangenheit, sei aber in die Zukunft gerichtet, sagt Röhl. „Wenn der Film zum Nachdenken darüber anregt, dass man selbst nicht wegsehen würde, haben wir alles geschafft, was wir schaffen wollten.“

          Der Film solle die andere Seite dieses in eine märchenhafte Landschaft gebetteten Schuldorfs zeigen. Atmosphärisch werde die Idylle durch die moralischen Verwüstungen des Schulleiters gebrochen. Ulrich Tukur sagt, er habe den triebhaften Lehrer - der in der Realität Gerold Becker hieß - in seiner „Janusköpfigkeit“ gespielt, wozu gehörte, ihn unter anderem als die charismatische (scheinbare) Lichtgestalt zu geben, die er im Umfeld der Schule gewesen sei. In seiner Ambivalenz kaum zu durchdringen gewesen sei der ehemals gefeierte Pädagoge, dieser von Schülern und Kollegen umschwärmte, gerissene Puppenspieler, der alles für die Vertuschung seiner sexuellen Gier tat. „Wir haben hier keine Unterhaltung produziert“, sagt der Regisseur.

          Eine Gefahr für das Projekt wäre zudem ein Skript mit Tendenz zum Kitsch, was mit der Wahl des Autorenpaares Benedikt Röskau, Autor des 2007 mehrfach prämierten Spielfilms „Contergan“, und Sylvia Leuker ausgeschlossen scheint. „Wir erzählen die Geschichte eines Scheiterns“, sagt Röskau - des Scheiterns der Eltern, die nicht hingehört, und der Kollegen, die nicht hingeschaut haben. Selbst die Lehrerin Petra, die als einzige Figur des Films so etwas wie Unterstützung für die missbrauchten Kinder in Gang bringen wolle, verliere.

          Eine Dusche, aus der wimmernde Töne zu hören sind

          Im Gespräch mit Opfern haben die Autoren von Erlebnissen erfahren, die sie auf keiner Leinwand zeigen oder sehen möchten. Einen Mann trafen sie in einer Gaststätte, er war nicht in der Lage, zu trinken oder zu essen, nach sieben Stunden seines atemlosen Erzählens mussten sie ihn unterbrechen. „Man träumt davon“, sagt Sylvia Leuker. Röskau ergänzt: „Das Böse ist besonders böse, wenn es sich für gut hält.“ Die Bilder des Films blieben ausnahmslos subtil, einiges zugemutet werde lediglich der Vorstellungskraft des Zuschauers: eine Dusche, aus der wimmernde Töne zu hören sind, davor zwei Paar Schuhe, ein großes und ein kleines. Pistorius, der aus der Dusche steigt. Mehr braucht es nicht, um das Grauen im Kopf bildhaft zu machen. Schon aus rechtlichen Gründen sind dem Sender zur besten Sendezeit explizite Szenen aber ohnehin verboten.

          Was nicht wenig wundert, ist, dass die Odenwaldschule nach den Skandaljahren und dem vielbeschworenen Neuanfang grünes Licht für den Dreh gegeben hat. Gerhard Herbert, der dem Trägerverein der Schule vorsteht, spricht denn auch von „intensiven Diskussionen“ innerhalb der Institution und „hitzigen Argumenten“, die der Unterstützung des Filmprojekts vorangegangen seien. Die Entscheidung sei sicher ein „Balanceakt“, man habe sie schließlich aber aus Vertrauen in den Sender und die Besetzung gefällt. „Der Zeitsprung im Film macht außerdem klar, dass es damals eine andere Schule war, mit anderen Akteuren und einem anderen System“, sagt Herbert. Auch von der Seite der Opfer habe es mehrheitlich Zustimmung für das Projekt gegeben. „Wir haben hier nur eine Zukunft, wenn wir verantwortungsvoll mit diesem düsteren Kapitel der Vergangenheit umgehen.“

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