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Fiilm über Leo Kirch : Die Blöße des Löwen

  • -Aktualisiert am

„Das ZDF hat ihm gehört“, sagt der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma über den 2011 verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch. Bild: Jan Roeder

Als wär’s ein Stück von Shakespeare: Die ZDF-Dokumentation „Der große Zampano – Wer war Leo Kirch?“ zeigt den verstorbenen Medien-Tycoon als tragischen Helden.

          3 Min.

          Wer zuletzt lacht – darf das zumindest nicht zeigen. Wenn der frühere ZDF-Intendant Dieter Stolte in einer ZDF-Dokumentation (Buch und Regie Berthold Baule und Michael Jürgs) über den findigen Medienunternehmer Leo Kirch spricht, tut er das mit ernstem Blick und ödesten Phrasen – „großer Visionär“, „gläubiger Katholik“ –, die kaum erahnen lassen, wie groß der Einfluss des eng mit hohen christdemokratischen Kreisen verbundenen Kirch auf den Mainzer Sender über viele Jahre gewesen ist. Bis zu ein Drittel des ZDF-Programms stammte von den sechziger Jahren an von dem fränkischen Filmgroßhändler, der nach der Öffnung des Rundfunkmarkts mit Sat.1, Pro Sieben und Premiere schließlich zum Gegenspieler im Quotenkrieg wurde, bis er in großen Kämpfen funkensprühend unterging: „Am Ende stand er fast erblindet auf den Trümmern seines Reiches“, heißt es in der Exposition.

          Den entscheidenden Fehler hat der sonst so weitsichtige Unternehmer dabei selbst gemacht, als er enorme Summen in das Bezahlfernsehen steckte, für welches das deutsche Publikum noch nicht bereit war (inzwischen schreibt der Premiere-Nachfolger Sky schwarze Zahlen). Die Insolvenz der kaum überschaubaren Kirch-Gruppe im April 2002 erschütterte die deutsche Medienlandschaft. Beispiellos aber ist auch die letzte Volte des Besiegten, der Deutschen Bank wegen der angeblich den Kollaps herbeigeführt habenden Aussage ihres damaligen Vorstandssprechers Rolf Breuer, „der Finanzsektor“ wolle dem Kirch-Konzern keine Kredite mehr geben, einen Vergleich von knapp einer Milliarde Euro abzuringen, auch wenn dieser erst kurz nach dem Tod Leo Kirchs zustande kam.

          „Ein sagenumwobener Medien-Guru“, sagt Harald Schmidt

          Baule und Jürgs haben ein gutes Gespür für die Shakespeare-Dimensionen dieser Karriere, an der alles unwahrscheinlich scheint: der kometenhafte Aufstieg, der abrupte Fall, die späte Genugtuung. In der stark biographischen Ausrichtung des Blicks liegt ein gewisser Reiz – ein Unternehmer, der mit Milliarden hantiert, aber in einem schnöden Mehrfamilienhaus wohnt, das erinnert an die Albrecht-Brüder –, und doch wirkt eine solche Verengung auch problematisch. Obwohl die nicht unkritischen Filmemacher wissen, dass sich bei einem Unternehmensgeflecht dieser Größenordnung kaum jede Entscheidung als persönlich motiviert erklären lässt, hat die auf Gesprächen mit Medienmachern ruhende, teils animierte Dokumentation einen Zug ins Hagiographische.

          Das zeigt sich schon an den oft mythisierenden Umschreibungen für Kirch, um die alle Beteiligten wetteifern. Baule und Jürgs legen mit dem „großen Zampano“ vor, jenem windigen Aufschneider aus Federico Fellinis „La Strada“, dem ersten Film, an dem Kirch die Rechte erworben hatte. Es folgen: „König Arthur“, „Hiob“, „der deutsche Citizen Kane“, „Kohls bester Freund“, „Springers Kontrahent“, „Haifisch“ „Patriarch“, „Larger-than-Life-Character“, „Spieler“ oder „Schattenmann“. Besonders freigebig mit Komplimenten zeigt sich Mathias Döpfner („ein unglaublich emotional-intuitiver, charismatischer Mensch“), aus gutem Grund, schließlich hat Döpfner Kirch einst aus dem Springer-Konzern herausgedrängt. Harald Schmidt, dessen Late-Night-Show 1995 bei Kirchs Sat.1 startete, scheint die wortreiche Verlegenheit im Sprechen über den ehemals fast Allmächtigen antizipiert zu haben. Er bietet gleich die ironische Übertreibung an: „ein sagenumwobener Medien-Guru“.

          Wirklich erklären kann all das wenig. Da ist die bekannte Direktheit des ehemaligen RTL-Chefs Helmut Thoma, der die märchenhafte Gewinnmarge, die Kirch mit seinen zu Spottpreisen erworbenen Rechten erzielte, bewundert, schon treffender: „Das ZDF hat ihm gehört!“ Von Thoma stammt auch die Anekdote, wie der Medienmogul einst Bundeskanzler Helmut Kohl damit beauftragt hatte, Thoma abzuwerben. Da versteht man allmählich, für wie unantastbar sich Leo Kirch gehalten haben muss, und auch, wie groß sein Schock gewesen sein dürfte, als diese Macht eben doch angetastet wurde: durch die Gegenwehr Friede Springers gegen den zweitgrößten Aktionär des eigenen Hauses (Kirch hielt bereits vierzig Prozent); durch Rupert Murdochs Versuch, die Kirch-Gruppe zu übernehmen; durch den vermuteten Zusammenschluss von Politik (Gerhard Schröder), Finanzmarkt (Rolf Breuer) und Konkurrenz (Thomas Middelhoff, Erich Schumann), auch wenn Baule und Jürgs über das ominöse Abendessen dieser vier Personen vom 27.Januar 2002 nicht mehr herauszufinden vermochten als das Münchner Oberlandesgericht beim Kirch-Prozess.

          Ob eine solche Ikarus-Charakterisierung des Selfmade-Tycoons vom Dorfe – viel erreicht, aber dann alles gewollt; gescheitert am eigenen Übermut – den strukturellen Systemzusammenhängen von Macht und Rundfunk wirklich gerecht wird, sei dahingestellt, aber es gelingt dem Film recht eindrücklich, eine Ahnung davon zu vermitteln, welch gewaltige Kräfte im Medienmarkt herrschen, die selbst einen ihrer Giganten zermahlen können.

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