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Alice-Schwarzer-Doku : Die Patriarchalin privat

  • -Aktualisiert am

Alice Schwarzer im gleichnamigen Film von Sabine Derflinger Bild: Filmdelights

Von Zuschreibungen, Anfeindungen und dem explodierenden Impliziten: In Sabine Derflingers Porträtfilm „Alice Schwarzer“ verschwimmen die Grenzen zwischen Porträt und Selbstinszenierung.

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          Was ist das Gegenteil von einer Feministin? Darüber könnte man streiten, einen begrifflichen Vorschlag von Rudolf Augstein sollte man aber auf jeden Fall in Erwägung ziehen: Eine „Patriarchalin“ ist eine Frau, die mit den Herrschaftsbeziehungen, die sie bekämpft, selbst nicht unbedingt auf Kriegsfuß steht. Der Gründer des „Spiegels“ bezog sich mit seinem Wort auf Alice Schwarzer, die über viele Jahre die bekannteste Feministin in Deutschland war. Augstein hätte auch sagen können (in einem Bild, das seinerseits der Dekonstruktion bedarf): Schwarzer hatte im Feminismus lange Zeit die Hosen an.

          In Sabine Derflingers Porträtfilm „Alice Schwarzer“ suggeriert die kleine Szene mit Augstein eine reizvolle Idee: Wie wäre es, einen Film über eine streitbare Persönlichkeit zu machen, der nur aus Zuschreibungen und Anfeindungen besteht? Im konkreten Fall käme da sicher jede Menge gutes Material zusammen, denn nicht nur die Männerwelt (und die lange Zeit einschlägig geprägte Medienwelt) hat sich an Alice Schwarzer leidenschaftlich abgearbeitet, mit dem Höhepunkt vielleicht einer Zeitungszeile, in der befunden wurde, sie wäre „nur durch das Herausreißen der Zunge zu stoppen“.

          Zwischen Porträt und Selbstinszenierung

          Aber es wäre natürlich jammerschade um all das Material, das von und mit Schwarzer selbst im Lauf der Jahre entstanden ist, und aus dem Sabine Derflinger nun schöpft. Allein die vielen Talkshow-Momente zeugen von einem rhetorischen Naturtalent, das sich vermutlich durch kein Training aufwiegen lässt und mit dem Schwarzer im Lauf ihres Wirkens im besten Sinn gewuchert hat. Derflinger hat aber auch eigenes Material gedreht, und sie konnte sogar auf private Aufnahmen von Schwarzers Ehefrau, der Fotografin Bettina Flitner, zurückgreifen.

          Bei einer charismatischen Persönlichkeit verschwimmen dann leicht einmal ein bisschen die Grenzen zwischen Porträt und Selbstinszenierung – dass es in bestimmten Zusammenhängen selbstverständlich Gren­zen des Zugangs gibt, wird in einer Szene deutlich, in der Schwarzer ein Fernsehinterview recht schroff abbricht, als die Rede auf ihre Frau kommt. „Die private Kurve“ wollte sie in diesem Moment nicht nehmen, während Derflinger diesbezüglich zumindest das Wichtigste durchaus offenlegen darf: Kindheitserinnerungen in Wuppertal, Fotos von dem „verwöhnten“ frühen Geliebten Bruno oder überraschende Erinnerungen an die Einsamkeit in den ersten Jahren der Zeitschrift „Emma“.

          Die Debatten, in denen Schwarzer sich heute mehr denn je bewegt, können selbst in einem mehr als zweistündigen Montagefilm nicht eingeholt werden. Wer sich also für die differenzierten Positionen eines heutigen Feminismus interessiert, wird den Film „Alice Schwarzer“ eher als einen Ausgangspunkt nehmen. Etwa die Szene, in der Caroline Fourest (Autorin des Bestsellers „Generation beleidigt“) Schwarzer als „Dekon­struktionistin“ bezeichnet. Es gehört zu den Bedingungen dieses Typs Film, dass manchmal das Implizite geradezu explodiert. Das Genießen der Bilder führt mit „Alice Schwarzer“ im Idealfall zu intensivierter Lektüre.

          Der Porträtfilm Alice Schwarzer läuft ab Donnerstag im Kino

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