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Dokumentation „This is Paris“ : Trauma passt nicht zur Marke

Dreiunddreißig Jahre Albträume: Paris Hilton erzählt offen von den Misshandlungen, die sie als Schülerin erlitt. Bild: AP

Hotelerbin, It-Girl, Trash-Ikone: Alle glauben, Paris Hilton als Blondine vom Dienst zu kennen. In einer neuen Dokumentation erzählt sie nun ihre persönliche Geschichte – mit einer Abgründigkeit, die man nicht erwartet hätte.

          3 Min.

          Paris Hilton ist eine dieser jungen Frauen, die man nie richtig ernstgenommen hat. Blond, gutaussehend, reich weil Hotelerbin. Mit zahlreichen Handtaschenhunden und ein paar Skandälchen um Beischlafvideos ausgestattet, geisterte sie stets modisch und knapp bekleidet durch die Klatschspalten, konnte anscheinend nichts gut genug, um wirkliche Anerkennung zu erfahren, und unterhielt das Publikum eine Weile lang prächtig. Irgendwas macht sie vermutlich auch jetzt noch, mit inzwischen 39 Jahren, man weiß es nicht genau. Besser gesagt, man wüsste es nicht genau, gäbe es nicht seit ein paar Tagen die Dokumentation „This is Paris“ der Regisseurin Alexandra Dean, die man auf ihrem Youtube-Kanal kostenlos anschauen kann. Und in der man ihr erstaunlich nahekommt.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir treffen sie zu Beginn als Geschäftsfrau, die den größten Teil des Jahres damit zubringt, ihre neunzehn Produktlinien – Parfum, Kosmetik, Mode und so weiter – in aller Welt zu promoten. Fans, Fotoshootings, Pressepanels, dazwischen Kofferpacken und an Flughäfen warten, daraus besteht ein großer Teil ihres Alltags. Sie gilt als erste Influencerin, um die sich Paparazzi im Wortsinne prügelten, als Erfinderin der Selfie-Kultur, und sie sagt, manchmal denke sie, sie habe dazu beigetragen, ein Monster zu erschaffen.

          Dann treffen wir sie nach dem Trubel im Hotelzimmer, todmüde, wie die Fassade langsam abfällt und sie davon erzählt, seit Jahren Schlafstörungen zu haben und Angst vor dem Einschlafen, wie sie Albträume plagen, dass zwei Männer in ihr Zimmer kommen, sie aus ihrem Bett zerren und fortbringen. Und man ahnt, dass da mehr kommt als die klassische Geschichte vom armen verwöhnten Mädchen im goldenen Käfig – und so ist es auch. Am nächsten Morgen hat sie drei Stunden geschlafen, und die Männer waren wieder da.

          Das verwöhnte Gör gespielt

          Die Männer gab es wirklich, sie brachten den damaligen Teenager nachts gegen ihren Willen in ein Internat für schwererziehbare Kinder. Am Ende von „This is Paris“ schließt sich Hilton der Kampagne einer alten Freundin aus diesem Internat an, der Provo Canyon School in Utah, um auf die gefängnisähnlichen Zustände dieser Anstalt aufmerksam zu machen, die inzwischen laut Hilton eine ganze Industrie hervorgebracht habe, in der „schwierige“ Kinder emotional und physisch misshandelt werden. Unter anderem habe sie als Sechzehnjährige nackt zwanzig Stunden lang in einer kalten Strafzelle sitzen müssen, ohne etwas zu essen zu bekommen – in der Dokumentation werden diese Berichte mit Zeichentricksequenzen unterlegt. Paris und ihre Schulfreundinnen berichten von einer Traumatisierung, die bis heute fortwirkt und es ihnen sehr schwer macht, Beziehungen einzugehen und Vertrauen zu fassen. „Ich kenne eigentlich kaum echte Menschen“, sagt Paris Hilton einmal.

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          Nach dieser Szene wirkt alles, was Paris Hilton ausmacht, wie ein Vexierbild. Man sieht diese so naiv anmutende, künstliche Figur, die immer für eine Lächerlichkeit gut war, im Licht der Traumatisierung anders. Und versteht, dass es vor allem Angst war, die sie antrieb. Angst vor einer Abhängigkeit von Eltern und Obrigkeiten bringt sie dazu, ohne Pause zu arbeiten, Angst vor Verletzung bringt sie dazu, sich eine cartoonesk-glamouröse Hülle zuzulegen, durch die niemand durchdringt. Ihre natürliche, tiefere Stimmlage ist in dieser Dokumentation erstmals zu hören. Wenn sie in der Reality-Sendung „The Simple Life“, mit der sie und ihre Freundin Nicole Ritchie Anfang der Zweitausenderjahre berühmt wurden, das verwöhnte Gör gibt, das nicht weiß, wie man einen Wischmop hält, dann tritt die Paris, die stundenlang Schulflure schrubben musste, zurück. Die Traumatisierung in Provo Canyon, so sagt sie es zweimal vor der Kamera, passte einfach nicht zur Marke „Paris Hilton“.

          Der zweite Vertrauensbruch

          Und dann war da die Sache mit dem Video. Sie war neunzehn Jahre alt, in ihrer ersten festen Beziehung mit dem Pokerspieler Rick Salomon und lebte mit ihrer Familie im Waldorf-Astoria Hotel in Manhattan. Später kam ein Video auf den Markt, das unter dem Titel „1 Night in Paris“ bekannt wurde, und Rick Salomon verdiente auch noch einiges daran. Obwohl die Veröffentlichung gegen Hiltons Willen geschah, wurde sie zum Gespött, man warf ihr damals vor, nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu suchen, um ihre Reality-Show zu promoten. Paris Hiltons Sexvideo-Geschichte schaffte es auf den Titel vieler Zeitungen, und ihre Schwester Nicky Hilton erzählt, dass sie, Nicky, damals durch die Hotelgänge lief und die Zeitungen vor den Zimmern der Gäste umdrehte, damit die Schlagzeilen über Paris nicht überall offen im eigenen Haus herumlagen. Heute, nach #metoo, würde die Öffentlichkeit vermutlich anders auf eine solche Enthüllung reagieren. Damals wurde die Video-Affäre zum zweiten großen Vertrauensbruch im Leben der jungen Frau.

          Neben ihrer jüngeren Schwester Nicky Hilton, die viel reifer als Paris wirkt, kommt auch ihre Mutter Kathy zu Wort, dazu werden Heimvideos aus der Kindheit der Schwestern eingespielt. Damals war Paris ein richtiger Tomboy, erzählt Nicky, sie war burschikos, liebte Tiere, wollte Tierärztin werden. Die Familie wollte, dass sie eine Hilton wurde, eine konservative, gesittete junge Frau. Dann kamen die Partys, dann kamen die Schule und die Misshandlungen, und dann wurde Paris zu „Paris Hilton“, der Marke. Und diese Marke war erfolgreich. Sie konnte es werden, weil sie dem Publikum gab, was es wollte. Das Publikum kaufte der ziemlich intelligenten, aber traumatisierten Frau die blonde, naive Paris, die nicht wusste, wie man Böden wischt, bereitwillig ab. Was das jahrelange Dasein als Marke mit der jungen Frau im Inneren machte, das sehen wir in „This is Paris“, und das ist ziemlich traurig.

          Die Dokumentation „This ist Paris“ ist auf Paris Hiltons Youtube-Kanal im englischen Original mit Untertiteln zu sehen.

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