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„The Great Hack“ bei Netflix : Der Kontrollverlust

  • -Aktualisiert am

Der Medienwissenschaftler David Carroll verklagte die Firma Cambridge Analytica auf Herausgabe seiner Daten. Er bekam sie nicht. Bild: Netflix

Die Dokumentation „The Great Hack“ beleuchtet, wie Cambridge Analytica mit Hilfe von Facebook-Daten Einfluss auf den Wahlkampf in Amerika nahm. Wir sehen: Es war nur der Anfang.

          Einen gewaltigen Skandal hinter den Kulissen in Echtzeit mitzufilmen und schließlich in der Gegenwart anzukommen: Aufregender kann eine Dokumentation kaum sein. Das Sujet des Films „The Great Hack“, die illegale Nutzung privater Daten von Millionen Facebook-Nutzern durch die inzwischen abgewickelte Firma Cambridge Analytica zur gezielten Bewerbung des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump – auch durch punktgenau gestreute Fake News über Hillary Clinton – bestimmt immer noch die Nachrichten. Im Frühjahr erst wurde Facebook, das früh vom Datenabgriff durch eine räuberische App wusste, aber weder seine Nutzer informiert noch die Löschung der abgeflossenen Daten kontrolliert hatte, von der britischen Datenschutzbehörde zu einer halben Million Pfund Strafe verdonnert. Mehr war hier rechtlich nicht möglich. Anders sieht es in den Vereinigten Staaten aus, wo sich Facebook Presseberichten zufolge soeben mit der Handelsbehörde FTC auf einen Vergleich über fünf Milliarden Dollar geeinigt hat.

          Doch es wird noch aktueller. Wo die Kommunikationslenkung in sozialen Netzwerken nach den Grundlagen der „Information Warfare“ funktioniert – besagte Analysefirma, deren Vizepräsident Steve Bannon die Kontakte zum Trump-Team, aber auch zu Nigel Farage in Großbritannien herstellte, war eine Ausgründung aus der auf strategische Propaganda und Wahlbeeinflussung spezialisierten britisch-amerikanischen SCL Gruppe –, kann auch ein Dokumentarfilm zur Waffe werden. Als vor einem Monat der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Cambridge Analytica, Alexander Nix, im Rahmen des „Cannes Lions“-Festivals der Werbeindustrie ausgerechnet zur Moralität von Big-Data-Analysen sprechen wollte, formierte sich der Widerstand nicht nur auf Twitter. Die Produzenten von „The Great Hack“ setzten eine Sondervorstellung der Dokumentation für denselben Nachmittag an. Die britische Journalistin Carole Cadwalladr, die den Datenabgriff 2018 aufdeckte und seither immer wieder betont, dass die Werbeindustrie nichts daraus gelernt habe, wurde als Expertin eingeflogen. Alexander Nix sagte daraufhin seine Teilnahme ab.

          Tatsächlich handelt es sich bei dem mitunter zu Spielfilmästhetik neigenden Film in der Regie der Regisseure Karim Amer und Jehane Noujaim (Buch: Pedro Kos, Erin Barnett, Karim Amer) um eine engagierte Dokumentation, ein Statement für einen verantwortlicheren Umgang mit privaten Userdaten. Zurzeit sieht es schließlich so aus, als trügen die großen Tech-Unternehmen, deren Ziel es einst war, uns alle zu verbinden, in erster Linie zur unüberwindbaren Entzweiung der Gesellschaften bei. Dahinter steckt, wie in diesem Fall, oft Kalkül.

          Die Hauptaussage der zweistündigen Dokumentation, die zentrale Protagonisten des Skandals und seiner Aufdeckung begleitet und mitunter tief ins Detail geht, ist so schlicht wie erschütternd: Propaganda auf Basis exakt vermessener Internetnutzer funktioniert. Alles, was Nix und seine Mitstreiter in aller Branchenöffentlichkeit selbstbewusst behauptet haben, scheint korrekt zu sein. Dank der etwa fünftausend Datenpunkte, die man zu jedem Amerikaner vorliegen habe (Facebook besitzt und nutzt solche Daten übrigens ganz legal), sei man in der Lage, jede Persönlichkeit exakt vorherzusagen und per „Microtargeting“, also durch „genau zugeschnittenen Video-Inhalt“, im gewünschten Sinne zu beeinflussen. Dabei konzentrierte man sich auf die „Überzeugbaren“ in sogenannten „Swing-States“, die man etwa mit „Crooked Hillary“-Botschaften bombardierte. So könnte eine Technologie Donald Trump zum äußerst knappen Wahlsieg verholfen haben.

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