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Dokumentation im Ersten : Der Sowjetstern, er leuchtet

Unerschütterlich: Die Lenin-Denkmäler im Moskauer Skulpturenpark Bild: rbb

Die Sehnsucht nach dem Imperium hat kein Ende: „Was wurde aus der Sowjetunion?“, fragt Regisseur Artem Demenok in einer Fernsehdokumentation. Sie erklärt, warum Russen der Demokratie misstrauen.

          3 Min.

          Als vor 25 Jahren die Sowjetunion zusammenbrach, glaubten viele Russen, Ukrainer und Weißrussen, europäisch zivilisierte Verhältnisse seien für sie zum Greifen nahe. Der missglückte Augustputsch 1991 hatte die meisten Regimetreuen davon überzeugt, dass das alte System nicht zu retten war. Und die Demontage des Dserschinski-Denkmals vor dem Hauptquartier des Geheimdienstes KGB schien die Befreiung von dessen Unterdrückungsmaschinerie unumkehrbar gemacht zu haben. Wie kommt es dann, dass in den drei slawischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion große Bevölkerungsteile von einer regelrechten Nostalgie nach ihr befallen sind? Antworten auf diese Frage gibt heute Abend im Ersten der Dokumentarfilm „Was wurde aus der Sowjetunion“ des russischen Regisseurs Artem Demenok, der mit Zeitzeugen, postsowjetischen Intellektuellen und jüngeren Politikern sprach.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Reformer um den russischen Präsident Jelzin hätten die Wirtschaftsprobleme unterschätzt, erklärt die Politikerin Maria Gaidar, die Tochter des damaligen Vizepremiers und ökonomischen „Schocktherapeuten“ Jegor Gaidar. Die Liberalen hätten geglaubt, der freie Markt werde freie Menschen und eine starke demokratische Mittelschicht hervorbringen, bezeugt Frau Gaidar, die im vergangenen Jahr in die Ukraine auswanderte, um am dortigen Reformprozess mitzuarbeiten. Tatsächlich brachte der freie Markt damals zunächst Hyperinflation, die die Ersparnisse vernichtete, und da Löhne zurückgehalten wurden, landeten die Privatisierungsscheine, die die Bevölkerung zu Investoren machen sollten, bei einem kleinen Kreis künftiger Oligarchen.

          Ach, die schöne Stalin-Zeit

          Dennoch habe sich der Glaube an die westliche Demokratie bei den Russen lange gehalten, erinnert sich der Schriftsteller und kommunistische Duma-Abgeordnete Sergej Schargunow, dessen politische Biographie für viele steht. Schargunow arbeitete als investigativer Journalist für die kremlkritische Zeitung „Nowaja gaseta“, kandidierte dann für die Kommunisten und sitzt zudem im Kulturrat des Moskauer Patriarchats. Der linke Patriot verbindet mit der Sowjetunion auch das freie Reisen etwa durch den Kaukasus oder die Abwesenheit von Nationalismen; dass die Chefs von deren drei slawischen Kernrepubliken diese eigenmächtig begruben, könne das Volk, auch wenn man es dafür rückständig nenne, nicht gutheißen, behauptet er. Der Film erwähnt nicht das Referendum im Frühjahr 1991, worin sich die Mehrheit der Sowjetbürger für den Erhalt der Union ausgesprochen hatte. Dafür erfährt man, dass Präsident Jelzin nach dem Beschluss, sie abzuschaffen, als Erstes nicht Gorbatschow, sondern freudig den amerikanischen Präsidenten Bush anrief.

          Dass erst die Weißrussen und schließlich auch die Russen sowjetnostalgisch wurden, sei das Symptom einer Niederlage, befindet die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Präsident Putin spiele virtuos auf der Klaviatur der Erniedrigungsgefühle seines Volkes, sagt Alexijewitsch, und was er dabei zutage fördere, könne einen das Fürchten lehren. Dass die Elite das eigene Volk manchmal nicht kenne, habe man jetzt, so Alexijewitsch, auch in Amerika erfahren müssen. Als den vorläufigen Höhepunkt des gespenstischen russischen Vergangenheitskults zeigt Demenok die Show „Fünftes Imperium“, die Alexander Saldostanow, Gründer des Motorradfahrerklubs „Nachtwölfe“ und Freund von sowohl Präsident Putin als auch Patriarch Kyrill, im August auf der Krim veranstaltete. Bei dem aus dem Staatshaushalt finanzierten Spektakel sangen kostümierte Pioniere die sowjetische Nationalhymne, und Sportler stellten Menschentürme aus der Stalin-Zeit nach, während ein Wappen mit dem vom Sowjetstern bekrönten zaristischen Doppeladler erleuchtet in den Himmel stieg.

          Russlands Leiden am postimperialen Syndrom sei eine objektive Tatsache, da müsse das Land hindurch, versichert Gennadi Burbulis, Jelzins Chefstratege in jener Umbruchszeit. Dass dieses Syndrom durch die Verelendung großer Bevölkerungsgruppen verschärft wird, die es sich etwa nicht mehr leisten können, sibirische Verwandte zu besuchen, während die Elite, die sich zu Sowjetzeiten in Spezialsanatorien erholte, heute Schlösser in Österreich und Konten in Panama besitzt, hätte stärker herausgearbeitet werden können.

          Die hoffnungsvolle Alternative zu Russland bleibt die Ukraine, die seit der Majdan-Revolution den europäischen Weg eingeschlagen hat. Dass der ukrainische Reformprozess stockt, erklärt Maria Gaidar mit den Netzwerken alter Politiker, die durch neue Kräfte ersetzt werden müssten. Wenn es der Ukraine gelingt, ein offenes, menschenfreundliches Land zu werden, so ist Gaidar überzeugt, dann wird das auch in Weißrussland und Russland möglich sein.

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