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Dokumentation „Der große Euro-Schwindel“ : Frisieren mit Goldman Sachs

  • -Aktualisiert am

Der griechische Finanzminister Yannos Papantoniou schlug Theo Waigel die Wette vor: Wir kriegen den Euro. Bild: WDR/ECO Media

In einer ARD-Dokumentation setzt Michael Wech betrügerische Aktivitäten von Finanzakteuren mit der Umgehung selbstgesetzer Regeln durch die Politik in Beziehung. Inwiefern kann man das vergleichen?

          Michael Wechs Film „Der große Euro-Schwindel“ bedient ein weitverbreitetes Gefühl, dass wir nämlich in den Vorgängen rund um die nun schon zwei Jahre dauernde Rettung des Euro nicht vollständig informiert werden, dass vieles ohne Beteiligung der Parlamente, ohne Zeugen und der Berichterstattung entzogen geschieht. So erzählt er zwei Geschichten, aus denen er dann eine Moral zieht, und die wäre, dass es alle tun, dass also die Väter des Euro und die, die danach kamen, sich allerlei Tricks bedienten, um die von ihnen selbst geschaffenen Spielregeln zu umgehen.

          Pauschalisierende Moral

          Besonders gründlich geht der Film im Fall des großen griechischen Eintrittsschwindels vor. Diese Geschichte steht zwar schon in manchem Buch und zahlreichen Artikeln, dennoch ist es verblüffend, hier wesentliche Akteure der griechischen Politik und Finanzwelt so offen reden zu hören. Auch die Zustände der griechischen Finanzverwaltung werden auf beeindruckende Weise nachgestellt, bis Ende der neunziger Jahre gab es dort keine Computer. Die Rolle, die Goldman Sachs bei der Frisierung der griechischen Bücher spielte, würde man in jedem schlechten linken Politthriller übertrieben finden. Sie könnte aber dennoch mal einen Staatsanwalt auf den Gedanken bringen, Ermittlungen gegen ein Institut einzuleiten, dass so offensichtlich zu einem schweren Verstoß gegen die europäischen Gesetze Beihilfe geleistet hat. Einen Haushalt zu sanieren, indem man heute Einnahmen verbucht, die man vielleicht in zwei Jahren macht, ist schlicht betrügerisch. Typisch wieder, dass zwar allerlei Politiker und hohe Bankbeamte zu Wort kommen, aber kein Akteur der privaten Institute und schon gar niemand von Goldman Sachs. Das ist der aufklärerische Teil des Films.

          Problematisch ist aber die Parallelisierung solcher kriminellen Aktivitäten mit den punktuellen und offen vorgenommenen Änderungen am ökonomischen Regelwerk durch andere Regierungen, etwa in Deutschland und Frankreich. Mitten in der Umbauphase des deutschen Sozialsystems im Zuge der Agendareformen erklärte etwa Gerhard Schröder, das enge europäische Defizitziel nicht einhalten zu können, es hätte die soziale Abfederung der Maßnahmen unmöglich gemacht. Das war aber, das wissen wir heute, gut investiertes Geld. Es zeigt, dass beides zusammen wirken kann, höhere Verschuldung und der politische Wille zu sozioökonomischer Reform. Es ist nicht treffend, wenn man beide Fälle gleichsetzt und dem Zuschauer suggeriert, cosí fan tutte, der Ehrliche ist der Dumme und die Politiker täten doch alle dasselbe und was dergleichen Klischees mehr sind. Dieser gut gemachte Film hätte besser auf die pauschalisierende Moral am Schluss verzichtet.

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