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Dokumentation auf 3sat : Ohne Reue keine Vergebung

  • -Aktualisiert am

Nach Darylls Tod nehmen Mutter und Tochter an einer Mediation teil. Bild: S.U.M.O.

Hubertus Siegerts Film „Beyond Punishment“ erzählt von missglückten Versuchen eines Opfer-Täter-Ausgleichs. An drei Beispielen ist zu sehen, warum das Scheitern so oft programmiert ist.

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          Die Täterzentriertheit unseres Strafrechts wird oft kritisiert. Als Gegenmodell hat sich „Restorative Justice“ etabliert, ein Mediationsverfahren, das Täter und Opfer in einen Dialog bringen soll. Der Täter soll nicht (nur) bestraft werden, sondern sich um Wiedergutmachung für die Opfer bemühen, was diesen idealerweise die Vergebung erleichtert. In Deutschland kommt das beim Täter-Opfer-Ausgleich zum Tragen.

          Ist das mehr als eine fromme Idee? Kann Versöhnung bei Kapitalverbrechen funktionieren? Der für seine Langzeitdokumentationen bekannte Regisseur Hubertus Siegert ist diesen Fragen in den Vereinigten Staaten, in Norwegen und in Deutschland anhand von drei Mordfällen nachgegangen. Obgleich Siegert der Theorie der Restorative Justice mit Sympathie begegnet, zeigt sein mit dem Max Ophüls Preis prämierter Film, wie schwierig diese Begegnung ist. Alle drei Erzählstränge nämlich handeln vom Scheitern des Dialogs.

          Im Schmerz vereint

          Da ist der zur Tatzeit noch nicht volljährige Stiva, der aus Eifersucht seine sechzehnjährige Freundin erschossen hat. Das norwegische Strafsystem gibt ihm nach sechs Jahren eine zweite Chance. Stiva, der sehr reflektiert über Schuld, Reue und Scham spricht, wünscht den Dialog mit dem Vater des Opfers, aber der ist von dem Verlust so tief getroffen, dass er Ängste vor dem Täter entwickelt und diese auch auf seine zweite Tochter überträgt. Stiva wiederum ahnt, dass Worte nicht stark genug sind, um sich bei einem Menschen für das Töten seines Kindes zu entschuldigen. Es ist letztlich die Ablehnung jeder Begegnung, die den Vater etwas zur Ruhe kommen lässt.

          Anders liegen die Dinge im Falle Seans. In einem Indizienprozess wurde er des Mordes an Darryl, einem jungen Schwarzen aus der New Yorker Bronx, für schuldig befunden und zu vierzig Jahren Haft verurteilt. Mutter und Schwester des Opfers möchten, dass Sean ihnen gegenüber zu der Tat steht. Der Inhaftierte aber leugnet jede Beteiligung. Die Hinterbliebenen nehmen stattdessen das Angebot wahr, an einem Gesprächskreis mit anderen Tätern teilzunehmen. Hier scheint die Kraft der Mediation auf: Die Beteiligten begegnen einander als Menschen, reden über Traumata, sind im Schmerz vereint. Ein muskelbepackter Insasse erzählt, wie ihm die wahre Dimension seines Polizistenmordes aufging: „Ich nahm einer ganzen Stadt die Sicherheit.“

          Aussagen wie diese mag sich Patrick von Braunmühl von einstigen Linksterroristen erwünscht haben, aber hier wird der Film regelrecht bitter. Wer genau Patricks Vater, einen leitenden Beamten im Außenministerium, 1986 getötet hat, wurde nie aufgeklärt, doch hat sich die RAF zu der Tat bekannt. Siegert bringt den bis heute nach Antworten suchenden Sohn mit einem der „Gründungsmitglieder“ der RAF zusammen, dem im Jahre 1988 begnadigten Polizistenmörder Manfred Grashof. Der jedoch stellt in schwer erträglicher Selbstgefälligkeit die Echtheit des Bekennerschreibens in Frage und versichert, es sei „nie in der ursprünglichen RAF vorgesehen“ gewesen, „Personen abzuknallen einfach so“. Grashof, der immer noch an die Kampf-gegen-das-System-Ausrede zu glauben scheint, wirkt reueloser als alle anderen Täter. Der „Opfer-Täter-Scheiß“ müsse aufhören: „Das Leben geht weiter.“ Für einige aber eben nicht.

          Für die stärkste Szene des Films sorgt Darryls Schwester Lisa, die unter Tränen berichtet, wie es sie innerlich zerreißt zwischen dem Wunsch, zu vergeben, und der Gewissheit, es nicht zu können. Mit dem Konflikt muss sie leben. Sie stellt auch fest, wie verschieden Mörder mit ihrer Schuld umgehen. Der Film von Hubertus Siegert idealisiert nicht, aber macht deutlich, wie sehr sich Angehörige nach einer Erklärung zur Tat sehnen, um den Täter endlich vergessen zu können.

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