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SS-Dokumentarspiel auf Arte : 139 Gefangene auf der Fahrt ins Ungewisse

Henriette Schmidt als „Sippen- und Sonderhäftling“ Fey von Hassell Bild: © Frank van Vught

Eine unglaubliche Geschichte aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs: Der Dokumentarfilm „Wir, Geiseln der SS“ zeigt einen Konvoi von besonders „wertvollen“ Gefangenen zwischen Hoffen und Bangen.

          Ende April 1945 ist das Ende des Zweiten Weltkriegs nur noch eine Frage von Tagen. Doch mit jedem einzelnen dieser Tage fordert das untergehende NS-Regime weitere Opfer. Im Konzentrationslager Dachau werden, kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner, Tausende Gefangene auf einen Todesmarsch gezwungen, den viele nicht überleben. Für 139 Häftlinge beginnt am 26. April 1945 indes eine Fahrt in die Alpen, deren Zweck auch dem SS-Kommando, das den Konvoi führt, nicht ganz klar ist. Taugen diese besonders „wertvollen“ Gefangenen als Faustpfand für Verhandlungen mit den Alliierten? Weshalb man sie noch eine Weile am Leben lässt? Oder soll man sie nicht gleich liquidieren? Danach trachtet Untersturmführer Bader. Sein Vorgesetzter, Obersturmführer Stiller, zögert. Die Verschleppten erleben eine Woche zwischen Hoffen und Bangen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie zählen zum Kreis der von den Nazis sogenannten Sippen- und Sonderhäftlinge. 139 Frauen, Männer und Kinder aus siebzehn Nationen: Die Familien der Hitler-Attentäter und Verschwörer Stauffenberg und Goerdeler sind unter ihnen, der Münchner Pfarrer Martin Niemöller, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der einstige französische Premierminister Leon Blum, der italienische General Garibaldi (ein Enkel des Revolutionshelden), ein Neffe Winston Churchills, ein Neffe des sowjetischen Außenministers Molotow, britische Luftwaffenoffiziere und - weil er einen Befehl Hitlers verweigert hat - der Wehrmachts-Oberst Bogislav von Bonin.

          Es gibt keine Order mehr

          Als Schicksalsgemeinschaft fahren sie ins Ungewisse. Niemand bricht aus. Flieht nur einer von ihnen, werden alle anderen erschossen. Der Terror der SS-Mannschaft wirkt, bis der Konvoi in dem Südtiroler Ort Niederdorf anlangt. Dort wissen Ober- und Untersturmführer nicht mehr weiter, die Kommandostrukturen sind zusammengebrochen, es gibt keine Order mehr. Die Transportbusse stehen stundenlang an der Straße. Oberst von Bonin nutzt die Situation. Mit den Frauen und Kindern des Trecks mischt er sich unter die Leute im Dorf und vermag es, einen Hilferuf abzusetzen: Die Wehrmacht soll die Gefangenen vor der SS schützen. Was dazu führt, dass sich wenig später Wehrmachtssoldaten unter Führung des Hauptmanns Wichard von Alvensleben und die SS mit gezogenen Karabinern gegenüberstehen. Bis zur Kapitulation der Wehrmacht ist es keine Woche mehr.

          Die Episode aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs sorgte kurz nach Kriegsende international für Schlagzeilen, geriet dann aber bis in die sechziger Jahre in Vergessenheit. Der Autor und Regisseur Christian Frey setzt sie nun mit dem zweiteiligen Dokumentarspiel „Wir, Geiseln der SS“ bei Arte in Szene. Er spricht mit Überlebenden des Trecks in die Alpen, mit Historikern und schildert die Geschehnisse vor allem aus der Perspektive von Fey von Hassell Pirzio-Biroli, der Tochter des von den Nazis ermordeten Diplomaten Ulrich von Hassell, der für eine Übergangsregierung nach einem geglückten Hitler-Attentat als Außenminister vorgesehen gewesen wäre.

          Die Dokumentation beginnt erzählerisch etwas aufgesetzt und schwerfällig, schlägt aber bald in Bann, weil hier nun einmal keine erfundene Geschichte aufgerufen wird und weil die Darsteller in den von dem Regisseur Carsten Gutschmidt betreuten Spielszenen die dramatische Handlung an sich ziehen. Das ist - angefangen bei Henriette Schmidt als Fey von Hassell und Tim Bergmann als Oberst von Bonin bis zu Uwe Bohm als sadistischem SS-Untersturmführer Bader - nicht die Statisterie, die bei fiktional ergänzten Doku-Stücken sonst häufig anzutreffen ist. Und das ist dieser unglaublichen Geschichte nur angemessen und macht Freys Film absolut sehenswert.

          Wir, Geiseln der SS beginnt heute um 20.15 Uhr bei Arte.

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