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Dokumentarfilm „Unser Wirtschaftswunder“ : Alles war ganz anders als gedacht

Ein Mann, ein Versprechen: Auch Ludwig Erhard wird im Film kritisiert Bild: FAZ

Haben wir es am Ende den Griechen zu verdanken? Der Dokumentarfilmer Christoph Weber will den Mythos des Wirtschaftswunders zerstören. Ohne Zuspitzung geht das nicht.

          Mitten in der europäischen Schuldenkrise wirkt die Geschichte des deutschen Wirtschaftswunders wie ein Märchen: Deutschland hatte den Krieg verloren, das Land lag in Trümmern, doch es ging bergauf, jedes Jahr. Erst konnte man sich einen Mixer leisten, die Waschmaschine, einen VW Käfer und den Urlaub in Italien, dann das zweite Auto, irgendwann ein Haus mit Garage. Und das alles, weil die Deutschen fleißig waren, die Amerikaner ihnen mit dem Marshall-Plan unter die Arme griffen und Ludwig Erhard mit D-Mark und Sozialer Marktwirtschaft tatsächlich „Wohlstand für alle“ brachte.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Genau so, erzählt Dokumentarfilmer Christoph Weber zu Beginn des Films, sei in seiner Familie immer von den Wunderjahren der Nachkriegswirtschaft gesprochen worden: „voller Stolz“. Das Wirtschaftswunder ist eine millionenfache persönliche Erfolgsgeschichte. Weber sieht genau darin den Grund dafür, dass die Deutschen heute Griechenland und den anderen Euro-Krisenländern vorschreiben wollten, wie sie aus ihrem Schuldenschlamassel herauskämen. Denn hätten wir nicht vorgemacht, wie das geht, aus dem Nichts zur Wirtschaftsmacht aufzusteigen, durch harte Arbeit und maßvolles Wirtschaften? Ob das so stimmt, mit der deutschen Selbstgewissheit in Euro-Schuldenfragen, sei dahingestellt. Weber nimmt seine persönliche Familiengeschichte zum Anlass, um zu fragen: Wie war das eigentlich genau, mit dem deutschen Wirtschaftswunder?

          Zuspitzung und Verkürzung

          Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Recherchereise, die dem denkbar einfachen Prinzip folgt, das auch in der „Sendung mit der Maus“ funktioniert: Weber formuliert eine Frage, fährt zu einem Experten, bekommt eine Antwort und stellt fest: Alles ganz anders als gedacht. Nächste Frage, nächster Experte, nächste Verwunderung, bis sich der Journalist zu der Erkenntnis vorgearbeitet hat: Deutschland verdankt sein Wirtschaftswunder vor allem der Tatsache, dass es 1953 die Hälfte seiner Schulden erlassen bekam und seine ehemaligen Kriegsgegner - zum Beispiel Griechenland - auf Reparationsforderungen verzichteten. Wenn wir heute Griechenland die Schulden erließen, so der Schluss, wären wir quasi quitt.

          Den Spieß umzudrehen zwischen Deutschland und den Krisenländern ist das unausgesprochene Hauptanliegen des Films - und seine größte Schwäche. Mit einer Handvoll Gesprächspartner exakt auf dieses Ziel zuzusteuern und vermeintlich alles, was jemals über das Wirtschaftswunder gesagt wurde, ins Reich der Legenden zu schicken funktioniert nur durch Zuspitzung und Verkürzung - selbst wenn zu den Gesprächspartnern der Wirtschaftswissenschaftler Werner Abelshauser, der ehemalige VW-Vorstandschef Carl Hahn, der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl und Zeitzeugen wie der frühere Leiter der CIA in Berlin, Peter Sichel, gehören.

          Bemühte Coolness

          Der Marshall-Plan etwa mag überschätzt sein, dass er völlig bedeutungslos gewesen sein soll, dazu hätte man gerne noch andere Stimmen gehört. Lieber jedenfalls, als dem Journalisten dabei zuzusehen, wie er im Auto sinniert oder im Gegenlicht eine Metallleiter erklimmt. Überhaupt evoziert der Film (Kamera: Jörg Adams) optisch mehr investigative Enthüllung, als er leistet. Alles ist stahlblau, so dass sich Wochenschau-Ausschnitte und Animationen im Retro-Design nahtlos einfügen. Die Gegenwart erkennt man immer gleich daran, dass Wolken im Zeitraffer über Fabriken rauschen.

          Die bemühte Coolness verdeckt eher, dass Weber unterwegs durchaus Bedenkenswertes zutage fördert. Beispielsweise, dass Ludwig Erhard die amerikanische Militärregierung aufforderte, die Rückgabe der „arisierten“ Rosenthal AG an die rechtmäßigen Eigentümer zu verhindern - im Interesse der Wirtschaft. Erhard hatte einen Beratervertrag mit den neuen Leitern des Porzellanherstellers geschlossen. 12 000 Mark erhielt er im Jahr. Enteignete jüdische Unternehmer, man weiß es, gehörten nicht unbedingt zu den Gewinnern des Wirtschaftswunders, und an der Spitze großer Firmen standen Männer, die ihre Karrieren in der Diktatur begonnen hatten. Ob man deshalb von „Arbeitsorganisation nach dem Führerprinzip“ sprechen kann, wie Weber es tut, bleibt zu fragen.

          Interessant ist es hingegen, von ihm daran erinnert zu werden, welchen Exportimpuls der Korea-Krieg in Deutschland setzte und welche Rolle die Flucht von Facharbeitern aus der DDR spielte - selbst wenn sich aus all dem keine Lehren für die Euro-Krise ziehen lassen. Außer vielleicht einer: dass Wohlstand leichter zu schaffen ist als zu bewahren.

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