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Arte-Doku über Ernst Jünger : Auf den Kategorienklippen

Nicht nur ein politischer Typus, sondern auch ein existenzieller Dichter: Ernst Jünger Bild: © Gisela Deventer

Bei Arte macht es sich eine Dokumentation über den umstrittenen Schriftsteller Ernst Jünger zu leicht. Sie schlägt Leben und Werk über einen zu simplen moralischen Leisten.

          3 Min.

          Neulich im „heute journal“: ein Beitrag über junge Kurdinnen, die in den Krieg gegen den IS ziehen. Mit Panzerfäusten und automatischen Gewehren sitzen sie auf Pickups und rufen ihre glühende Überzeugung in die Kamera: Sie seien bereit, ihr Leben zu geben, um ihre Freiheit zu verteidigen. Moderator Kleber moderiert den Film ab mit dem patriarchalen Schlagwort der Stunde: Da habe man gerade „starke Frauen“ gesehen. „Starke Frauen“? Todesmutige Soldatinnen wohl eher, die zu allen Mitteln der Gewalt bereit sind, um zu verteidigen, was ihnen wert ist.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Man stelle sich einmal vor, eine dieser jungen Frauen führte ein Tagebuch. Jede Nacht schriebe sie in einem literarischen Ton über die Schreckenserlebnisse des Tages, über zerfetzte Gliedmaßen, Granateinschläge, ihre Todesangst. Aber auch über den Adrenalinschub inmitten schwerer Gefechte mit den islamistischen Feinden. Über unkontrollierbare Gefühlswallungen, über „den Kampf als inneres Erlebnis“. Und dann, hundert Jahre später, liefe ein Film bei Arte, in dem ein gemütlich aussehender Historiker mit Dreitagebart erklärte, er könne in dem Text der jungen Soldatin „keine Ethik entdecken“, halte das, was sie beschrieben habe, für „amoralisch“.

          Geht uns sein Schreiben nichts mehr an?

          Selbstverständlich: Ernst Jüngers Texte zum Ersten Weltkrieg schockieren uns, weil sie von etwas sprechen – und zwar durchaus euphorisch –, das wir im Rückblick als furchtbares Grauen bewerten müssen. Wir haben die Bilder der abertausenden Gräber im Kopf, die Aufnahmen von zerfetzen Soldatenkörpern im Schlamm und toten Pferden mit Schutzmasken über dem Schädel. Aber können wir wirklich so tun, als ginge uns sein Schreiben nichts mehr an? Als ließe sich Jünger entschärfen, indem wir ihn denunzieren, mit den abgegriffenen Formeln einer selbstgewissen Ideologiekritik: antiliberal, antidemokratisch und daher ein Wegbereiter des Nationalsozialismus? Volker Weiß, seines Zeichens Historiker mit Schwerpunkt auf „der Geschichte und Gegenwart der extremen Rechten“, wendet diese Taktik in einem neuen Biographie-Film über Jünger auf Arte an und wirkt dabei, man kann es nicht anders sagen, ziemlich altmodisch. Denn er nimmt Jünger nicht als komplexen Zeitgenossen von damals ernst, sondern meint, ihm mit moralpolitischen Einschätzungen von heute unschädlich machen zu können. Zum größten Argument gegen Jünger wird so, dass die sogenannte „Identitäre Bewegung“ mit seinem Konterfei wirbt.

          Der Film selbst präsentiert wenig Originalzitate, sondern versteckt sich lieber hinter den O-Tönen verschiedener Experten. Der eine nennt Jünger einen „Zeitzeugen reflektiertester Art“, die andere einen „zweifelhaften Literaten“. Über Jüngers Leben erfährt man nur das Übliche: Geboren 1895 noch im Kaiserreich, ein schlechter Schüler und wilder Leser, flieht er zur Fremdenlegion nach Algerien und Marokko. Er ist neunzehn, als der Krieg ausbricht und erlebt das Soldatenleben an der Front zunächst als ein einziges Abenteuer. Fünfzehn Hefte füllt er im Schützengraben mit Erlebnisberichten, nicht die Politik, sondern das „Große, Starke, Feierliche“ des Krieges packt ihn wie in einem Rausch. Erst im Nachhinein, in seinen „Stahlgewittern“, versucht er den Geschehnissen einen Sinn abzugewinnen, mit jenem berüchtigten „eiskalten Jünger Blick“, der angeblich kein Mitleid kennt und jedes beobachtete Grauen ins Ästhetische überträgt. „Jüngers Ästhetisierung ist Verweigerung“, analysiert Weiß und betont dessen „Antisemitismus“ (der aber kein „Vernichtungsantisemitismus“ gewesen sei). An dieser Stelle hätte man auf den gerade erschienen Briefwechsel zwischen Jünger und dem Auschwitz-Überlebenden Joseph Wulf verweisen können, der über hundertfünfzig Schreiben umfasst und ein komplexes Zeugnis ablegt von Jüngers Auseinandersetzung mit der Schuldfrage. Über die Verdammung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen sind die beiden sich weitgehend einig, über die Rolle der Intellektuellen im „Dritten Reich“ und die Mitschuld der Wehrmacht streiten sie sich. Für Grautöne aber bleibt in diesem knapp einstündigen Doku-Film wenig Raum. Lieber lässt der sich einen politischen Typus zurecht kategorisieren, als dass er sich mit den ambivalenten Schattierungen des Dichters und Intellektuellen beschäftigt. Nur am Rande erwähnt wird, dass Jünger als Dandy in Berlin lebte und mit dem „Abenteuerlichen Herz“ ein bahnbrechendes poetisches Werk schuf, dass er im „Arbeiter“ einen kollektivistischen Weltstaat erträumte und mit seiner Leidenschaft für Flora und Fauna als ökologischer Autor gelten kann.

          Stattdessen schneidet Regisseur Falko Korth ein paar Original-TV-Aufnahmen von Jünger mit mehr oder weniger erwartbaren Einschätzungen zusammen und verlässt sich auf die Schauer-Wirkung eines Satzes wie „Ich hasse die Demokratie wie die Pest“ oder der berühmten Burgunder-Anekdote auf einem Pariser Dachgarten im Mai 1944. Den einzig wirklich interessanten Auftritt im Film hat der Leipziger Maler Neo Rauch, der sich gegen den Duktus der „Zurechtweiser“ wendet, indem er – ähnlich wie der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz – den Klang der Sprache lobt und Jüngers „phänomenales Werk“ als stilbildend für seine Malerei bezeichnet. Eine Zeitlang habe – erzählt Rauch – die Lektüre in seinem Kopf „Bilder geradezu heraufbeschworen“. Und er fügt an, dass er auf Jünger als „Verfechter des sowohl als auch, nicht des entweder oder“ schaue. Man kann sich vorstellen, was der „Rechts“-Historiker zu einem solchen Blick sagt. Wahrscheinlich: „Amoralisch“.

          In den Gräben der Geschichte. Der Schriftsteller Ernst Jünger, heute, am 27. November, um 21.50 Uhr bei Arte.

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