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Dokumentation „Poetik des Gehirns“ : Haben wir uns darüber schon mal Gedanken gemacht?

  • -Aktualisiert am

Querschnitt: Die Regisseurin Nurith Aviv hat sich ins MRT-Gerät gelegt und lässt tief blicken. Bild: © Arte/Nurith Aviv

Die Filmemacherin Nurith Aviv schaut den Menschen in den Kopf. In „Poetik des Gehirns“ fragt sie, welche Spuren unser Denken hinterlässt. Daraus resultiert ein verblüffender Film.

          Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach, so wird der Ausspruch dem Vorsokratiker Heraklit zugeschrieben. Doch nicht nur der Fluss verändert sich stetig. Es ist auch nicht dasselbe „man“, das zum zweiten Mal in den Fluss steigen könnte. Unter Sprachphilosophen ist das eine Binsenweisheit, nun hat sie auch die Naturwissenschaft entdeckt. Man denkt, erinnert, begreift, fühlt nie zweimal mit demselben Gehirn.

          Jede Tätigkeit hinterlässt Spuren, die das Gehirn verändern. An sich mag diese Erkenntnis nicht spektakulär wirken, aber für die naturwissenschaftliche Forschung, die sich mit den Schnittstellen und Wechselwirkungen von Körper und Geist befasst, bedeutet sie einiges, wie der Pränatalpsychologe und Psychoanalytiker François Ansermet, der sich mit Erinnerungsspuren im Gehirn befasst, in Nurith Avivs Film „Poetik des Gehirns“ darlegt.

          Wie man Bedeutungsnetze knüpft

          „Poetik des Gehirns“ ist alles andere als eine nüchterne Wissenschaftsdokumentation. Nurith Avivs Ansatz ist ein persönlicher. Ihre Darstellungsweise reflektiert, indem sie das Thema Gehirn auf ganz verschiedene Weise zu fassen sucht, gleichzeitig die Mittel, die sie zur Darstellung einsetzt. Alte Familienfotografien, Filmmaterial aus früheren Filmen, eine gefilmte Zugfahrt, die sie nun vom Ende her rückwärts zeigt, Abfahrt statt Ankunft. Die Erinnerung an ihre Mutter, die Verwandte im Holocaust verlor, Erlebnisse auf den Straßen in Tel Aviv, das Leben in Paris. Meditationen über Wörter und Wortähnlichkeiten, aus dem Off gesprochen, die nicht von etymologischem Interesse zeugen, sondern vom assoziativen Vermögen, durch ähnliche Klänge Bedeutungsnetze zu knüpfen. Nicht die Herkunft eines Wortes interessiert Aviv, sondern das Ausweiten seines Bedeutungsspielraums in der Interaktion mit anderen Wörtern und Sprechern.

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          Jedes Filmkapitel beginnt mit Fotos oder anderen Bildern, die Anlass zum Nachdenken geben. Am Anfang stehen Formen und Wesen der Erinnerung, gefolgt von Spiegelneuronen, Zweisprachigkeit, Lesen und Geruch. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit den Spuren der Erinnerung im Gehirn. Damit ist der Kreis des Zusammenhangs von Körper und Geist, wie ihn Aviv versteht, geschlossen. Sechs Forscher repräsentieren ihr jeweiliges Fachgebiet. Der Zuschauer erfährt von ihren Resultaten fast ausschließlich durch den mündlichen Bericht - in Form aktueller Erinnerung.

          Zu Beginn der Kapitel blickt man den Wissenschaftlern von hinten über die Schulter. Während ihrer Berichte ruht die Kamera auf ihnen. Sie sitzen hinter ihren Schreibtischen. Ohne Schnitt oder Perspektivenwechsel. Gelegentlich schweift der Kamerablick in ein Labor, zum Beispiel ins „Babylab“, in dem Psycholinguisten die Lauterkennung im ersten Lebensjahr untersuchen und Gehirnströme messen. Hier und da fällt ein Blick auf bildgebende Verfahren, im Zentrum aber steht die filmische Verknüpfung von Ästhetik und naturwissenschaftlicher Erkenntnis, sprachlicher Assoziation und diskursiver Argumentation, die Aviv etwas irritierend „Poetik“ nennt.

          „Poetik“, begriffen als Kernstück der Literaturwissenschaft und Teil der philosophischen Ästhetik, kann man herkömmlich als Gebrauchsanweisung für das Dichten verstehen, als Regelkanon, aber auch als Lehre vom Wesen der Gattungen und Formen, wie ein einschlägiges Sachwörterbuch auflistet. Indem Nurith Aviv selbst den Begriff der „Poetik“ in Bedeutungsschwingung versetzt, verleiht sie ihrer filmischen Reise zur Neurophysio- und Neurobiologie, zur Psycholinguistik und Psychoanalyse zusätzlichen Resonanzraum. Der Film wurde im Rahmen einer Retrospektive mit Werken von Nurith Aviv 2015 im Centre Beaubourg uraufgeführt. Jetzt läuft er zum ersten Mal im Fernsehen.

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