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Dokumentarfilm „Kill Team“ : Hollywood hätte sich das nicht ausdenken können

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Adam Winfield (Mitte) mit seinen Eltern Chris und Emma. Bild: Geo Television

Vor ein paar Jahren haben die als „Kill Team“ bekannt gewordenen amerikanischen Soldaten in Afghanistan willkürlich gemordet. Nun lässt Dan Krauss einige von ihnen in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm zu Wort kommen.

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          „Während meines ersten Gefechts, schossen die Patronen über unsere Köpfe hinweg und schlugen in die Bäume hinter uns ein. Und das erste, was mir in den Sinn kam, war ,Danger Zone’, das Titellied von Top Gun“, sagt Private Andrew Holmes. „Die Situation war intensiv und ziemlich cool, man konnte die Schüsse hören und die Helikopter und die Explosionen.“ Holmes ist wegen vorsätzlichen Mordes und des Besitzes von menschliche Überresten angeklagt. „All der Bullshit machte sich auf einmal bezahlt. Es war, als könnten wir endlich mit unserem Job anfangen“, sagt Corporal Jeremy Morlock. Morlock ist wegen dreifachen vorsätzlichen Mordes angeklagt.

          Beide sind in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Kill Team – Tatort Afghanistan“ zu sehen, in dem Regisseur Dan Krauss die Vorgänge der Gewaltverbrechen des titelgebenden „Kill Teams“ in Afghanistan 2010 durchleuchtet. Mindestens drei Zivilisten im Alter von 15 bis 45 Jahren sind damals in der Nähe von Kandahar von Mitgliedern der Fifth Stryker Brigade und der Second Infantry Division des amerikanischen Militärs willkürlich ermordet worden. Angeführt wurde die Gruppe von dem 24 Jahre alten Unteroffizier Calvin Gibbs, der sich mit seiner enormen Kampferfahrung und seiner Dominanz die Loyalität der Truppe sicherte. Vor seinen Kameraden prahlte er seinerzeit damit, das Leben einer kompletten irakischen Familie ausgelöscht zu haben – einfach, weil er in der Lage dazu war.

          Tötungen „als Sport“

          Wegen ihrer Grausamkeit ist seine Truppe in den Medien als eine beschrieben worden, die Tötungen „als Sport“ betrieben hätten. Tatsächlich hatten sie ihre Opfer gejagt und mit den Leichen für Fotos posiert. Sogar Körperteile entfernten sie ihnen, um sie als Trophäen mitzunehmen. Aus Fingerknochen wollten sie Ketten anfertigen. Unangenehmer hätte man sich das Geschehen auch in Hollywood nicht ausdenken können.

          Im Film von Dan Krauss wird dieses Geschehen nun auf mehreren Ebenen dargestellt. Zum einen betreibt er Ursachenforschung, zum anderen begleitet er beispielsweise den Soldaten Adam Winfield sowie dessen Mutter und Vater. Winfield hatte dem Druck des „Teams“ nicht standgehalten und sich per Facebook-Chat seinem Vater anvertraut. Dieser wandte sich an militärische sowie politische Entscheidungsträger, erfuhr von diesen aber keinerlei keine Unterstützung.

          Elf Soldaten werden mit dem „Kill Team“ in Verbindung gebracht. Fünf von ihnen sind bislang verurteilt. Von diesen haben sich einige bereiterklärt, dem Regisseur Krauss Auskunft über ihre Zeit in Afghanistan zu geben. „Wir bemerkten die Granate in seiner Hand und brachten sie zur Detonation, damit es aussieht, als würde er uns angreifen. Wer hätte glauben sollen, dass wir uns das ausgedacht haben? Es war ein glaubhaftes Szenario, wer hätte das in Frage stellen sollen?“, sagt nun beispielsweise Corporal Jeremy Morlock, um eine von der Truppe inszenierte Notwehrsituationen zu erklären. Selbst wenn auf diese Weise aber immer wieder herausgearbeitet wird, dass Calvin Gibbs der Hauptantreiber für die Barbareien war – seine Kameraden kann das nicht entlasten. „Kill Team – Tatort Afghanistan“ zeigt vielmehr eindringlich, was geschehen kann, wenn Loyalität zu blinder Gefolgschaft wird, und wenn Soldaten den Sinn für das moralisch Richtige verlieren.

          Die Beteiligten sprechen

          Die Interviews, Amateuraufnahmen und Verhörmitschnitte, aus denen sich Krauss’ Film zusammensetzt, kommen gänzlich ohne zusätzliche Erzählstimme aus. Der Regisseur  lässt die Beteiligten sprechen und geht mit ihnen genauso kühl und abgeklärt um, wie sie es ihrerseits im Krieg getan hatten. So überlässt er die Beurteilung dem Betrachter.

          Adam Winfield wurde zu drei, Andrew Holmes zu sieben und Jeremy Morlock zu vierundzwanzig  Jahren Gefängnis verurteilt. Clavin Gibbs muss lebenslänglich hinter Gitter. Er behauptet weiterhin, die Morde seien legitime Kriegshandlungen gewesen.

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