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Dokumentarfilm „Dirty Wars“ : „Einer dieser verdammten Vorfälle im Krieg“

  • -Aktualisiert am

Jeremy Scahill auf Recherchereisen in einem der 75 Länder, in denen sein Land Krieg führt. Bild: NDR/Richard Rowley

Amerikas Jahrzehnt der Kriege ist nicht vorüber. Stattdessen hat sich das Wesen des Kriegs radikal verändert. Jeremy Scahill zeigt in „Dirty Wars“ Orte, in denen die Gewalt regiert.

          Carl von Clausewitz’ Feststellung, Krieg sei „bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ gilt bis heute. Aktuell ist aber eine Frage: „Regiert eigentlich das Weiße Haus noch? Oder ist die Regierung Amerikas einer Junta von Sicherheitsoffizieren in die Hände gefallen?“ Peter Sloterdijk fragte das im Juni vergangenen Jahres in der 3sat-„Kulturzeit“. Zur selben Zeit veröffentlichten der Regisseur Rick Rowley und der Journalist Jeremy Scahill ihren Film „Dirty Wars“. Er wirkt wie eine direkte Antwort auf Sloterjiks „evidente Sorge“.

          Beim Sundance Filmfestival bekam der Film für seine Kameraarbeit einen Preis. Erschreckend sind schon die Rohdaten, von denen er handelt: Amerika führt Krieg in 75 Ländern. Durchgeführt wird er von einer geheimen Truppe namens JSOC, die pro Monat fünfhundert Einsätze absolviert. Weder das amerikanische Militär, noch die Nato, das Weiße Haus oder die CIA wissen Genaueres.

          Das Ziel der Einsätze sind Tötungen. In einer Nacht, bei einem Einsatz in Afghanistan, dem Scahill nachging, kamen 21 Kinder und vierzehn Frauen ums Leben. Wie viele Namen davon auf der Todesliste standen, bleibt geheim. Die Liste, sagen Insider, werde allerdings langsamer „abgearbeitet“ als sie wachse. Einer erzählt sogar davon, dass in einigen Regionen das Prinzip umgekehrt wurde: Als vogelfrei gelten Männer zwischen siebzehn und siebzig Jahren. Die Überlebenden sprechen von „amerikanischen Taliban“.

          Die amerikanische Regierung schweigt

          Scahill recherchiert und wird angeschwiegen: „Die Amerikaner wären sehr überrascht, wenn sie wüssten, wie weit öffentliche Lesart und geheime Interpretation eines Gesetzes auseinander liegen“, sagt Senator Ron Wyden, der dem Geheimdienstausschuss angehört. Mit General Henry H. Shelton, der am 11. September 2001 Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff war, spricht Scahill über die Soldaten eines Einsatzes, der im Film genauer betrachtet wird: „Wenn die da reingehen und auf Widerstand stoßen, dann tut es mir leid, wenn Leute erschossen wurden. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich finde nicht, dass das untersucht werden sollte. Es ist einer dieser verdammten Vorfälle im Krieg. Es ist tragisch, dass es auch Frauen traf und dass sie schwanger waren.“

          Anfangs hätten die Amerikaner noch versucht, die Einsätze zu vertuschen, indem sie Patronenhülsen einsammelten, auch wenn diese aus den Leichen geschnitten werden mussten, berichtet Scahill. Im Jemen besuchte er einen Angriffsort, an dem die Trümmer amerikanischer Raketen offen herumliegen. Ein lokaler Journalist, der davon berichtete, wurde festgenommen. Obama selbst intervenierte später per Telefon bei Jemens Regierung gegen dessen Freilassung. Das Telefonat ist auf der Website des Weißen Hauses dokumentiert.

          Das ist das eigentliche Thema. JSOC mag „verdeckt, verborgen und verschleiert“ arbeiten, wie es im Film heißt. Der Krieg ist aber nicht geheim, sondern offensichtlich und „schmutzig“. JSOC sei eine Erfindung George W. Bushs gewesen, heißt es im Film. Unter Barack Obama wurde der Truppe „freie Hand gegeben“. Sie arbeite „härter, präziser und schneller“ als zuvor.

          Seit Obama bekannt gab, dass JSOC für die Tötung Usama Bin Ladins verantwortlich sei und William McRaven als kommandierender General die öffentlichen Dankesbotschaften der Regierung dafür empfing, wird diese Form des Kriegs von der breiten Öffentlichkeit akzeptiert. Dieser „globale Krieg“ sei eine „unendliche Geschichte“ vermutet Scahill. Ein Insider benennt die fatale Logik dahinter: „Wir haben einen Hammer erschaffen, der immerzu einen Nagel suchen wird.“

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