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Dokumentarfilm „Camp 14“ auf Arte : Im Prinzip geht es darum, die Häftlinge zu töten

Gezwungen, die Ermordung anzusehen: Shin und sein Vater Bild: © Engstfeld Film

Er wurde gefoltert und musste als Kind die Hinrichtungen seiner Mutter und seines Bruders miterleben: In der Dokumentation „Camp 14“ erzählt Shin Dong-hyuk aus einem nordkoreanischen Todeslager.

          2 Min.

          Das Erste, woran sich Shin Dong-hyuk aus seiner Kindheit erinnern kann, ist eine Hinrichtung. Es gab ein Plakat, auf dem die Erschießung angekündigt wurde. Alle im Lager waren gezwungen zu erscheinen. „Als die Gewehrschüsse fielen, bin ich in Panik geraten.“

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Shin Dong-hyuk lebte in „Camp 14“, einer „Total Control Zone“ in Nordkorea. Er wurde dort geboren, und er sollte dort sterben - wie alle in den Lagern. Niemand soll sie lebend verlassen. Niemand soll von den unfassbaren Grausamkeiten, den Morden, der alltäglichen Folter, den Vergewaltigungen und dem Hunger berichten können.

          Niemand soll bezeugen, wovon Shin Dong-hyuk spricht - von einem Menschheitsverbrechen, das in Lagern verübt wird, die nur wenige Kilometer von der Grenze zu Südkorea entfernt liegen, die man per Google aus der Luft in Augenschein nehmen kann. Es gibt sie seit vierzig, fünfzig Jahren, zweihunderttausend Menschen sollen inhaftiert sein. Shin Dong-hyuk gelang die Flucht, er erzählt seine Geschichte, auf dass die ganze Welt sie höre.

          „Unter meinem Rücken zündeten sie das Feuer an“

          Wie sehr er dabei um Worte ringt, sehen wir in dem Dokumentarfilm „Camp 14. Total Control Zone“ von Marc Wiese, der heute bei Arte läuft. Minutenlang kann Shin Dong-hyuk gar nichts sagen. Er setzt ein um das andere Mal an, der Interviewer bedrängt ihn nicht, schaltet aber auch nicht die Kamera ab.

          Irgendwann erzählt Shin Dong-hyuk - wie er mit sechs Jahren in der Kohlegrube bis zum Umfallen schuften musste; wie er mit seiner Familie auf dem kalten Betonboden schlief; wie er Hunger litt und Ratten aß; wie sein Lehrer eine Mitschülerin mit dem Stock totschlug - fünf Stunden lang mit Schlägen auf den Kopf, vor der versammelten Klasse; wie er seine Mutter und seinen älteren Bruder verriet, der aus dem Lager fliehen wollte; wie er ins Gefängnis kam, aufgehängt und der „Feuerfolter“ unterzogen wurde: Sie banden ihn an Armen und Beinen, mit dem Rücken nach unten. „Unter meinem Rücken zündeten sie das Feuer an.“ Sein Körper ist von Narben entstellt, seine Arme und Beine sind unnatürlich verbogen. „Ich war ein kleiner Junge“, sagt Shin Dong-hyuk.

          Gegenseitiger Mord aus Angst vor der Kollektivstrafe

          „Das ist doch völlig normal, das ist die Regel“, sagt Hyuk Kwon, ehemals Kommandant des „Camps 22“, und sagt auch Oh Yangnam, einst Mitarbeiter des nordkoreanischen Geheimdienstes. „Im Prinzip geht es darum, die Häftlinge zu töten.“

          Getötet wird systematisch und aus einer plötzlichen Laune heraus. Frauen, die von Wärtern vergewaltigt wurden, schlägt man tot, wenn sie schwanger werden. „Wir ließen uns irgendeine Anschuldigung einfallen und töteten sie“, sagt der einstige Lagerleiter. Ein Wärter hängte eine Frau an einen Ast und peitschte sie zu Tode.

          Wollten sich die Wärter nicht selbst die Hände schmutzig machen, drohten sie den Häftlingen Kollektivstrafen an und warteten darauf, dass sie ein Opfer selbst ermordeten. „Das war die leichteste Methode.“ Im Bild zeigt uns der Dokumentarfilmer Marc Wiese die Methoden nur ganz zurückgenommen - als Animation und in einem kurzen Ausschnitt eines Videos, das aus einem Lager geschmuggelt wurde.

          „Du musst unbedingt überleben“

          Aus dem Gefängnis kam Shin Dong-hyuk nach sieben Monaten Folter ebenso wie sein Vater an dem Tag frei, an dem seine Mutter und sein Bruder hingerichtet wurden. Shin und sein Vater mussten in der ersten Reihe stehen und zusehen. Trauer, sagt Shin, habe er nicht empfunden, eher Wut auf seine Mutter und den Bruder.

          „Mir war nie gezeigt worden, dass wir Menschen soziale Wesen sein können“, sagt er und erinnert sich an einen alten Mann, der im Gefängnis seine Wunden pflegte und ohne den er nicht überlebt hätte. „Du musst unbedingt überleben“, hatte ihm der Alte gesagt.

          Shin überlebte und entkam - er kletterte über den Rücken eines Mithäftlings, der mit ihm fliehen wollte, aber am Elektrozaun starb, schlug sich nach China durch und dann nach Südkorea. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (19. Mai 2013) hat er seine Geschichte schon einmal erzählt.

          Freigekommen ist Shin Dong-hyuk nur physisch. „Ich habe das Gefühl, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, das Lager zu verlassen“, sagt er. Shin will zurück in seine Heimat, ja sogar zurück ins Camp. „Ich vermisse mein unschuldiges Herz“, sagt er.

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