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Doku über KZ-Aufseherin : Auch sie war Teil des Systems

  • -Aktualisiert am

Joanna Pensson war im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Für die Aufseherin Johanna Langefeld schrieb sie 1946 einen „Verteidigungsbrief“. Bild: rbb/Rohde-Dahl Filmproduktion

Eine ambivalente Dokumentation erzählt die Geschichte von Johanna Langefeld, einer KZ-Oberaufseherin, die nie belangt wurde: 1946 floh sie aus einem Gefängnis in Krakau und blieb bis zu ihrem Tod unbehelligt.

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          Neunzig Kilometer nördlich von Berlin, bei Fürstenberg an der Havel, liegt der Schwedtsee, und er nimmt sich in den Erinnerungen von jenen, die ihn während des „Dritten Reiches“ als Kinder erlebten, fast wie ein Idyll aus – wenn auch gelegentlich unterbrochen von „Hundegebell“ und „hinterher seltsamen Tönen“ vom anderen Ufer, die „wie Schreie“ klangen. „Die kriegen jetzt Schacht“, vermuteten die Kinder von Fürstenberg in einem solchen Moment.

          Selbst Kinder der Frauen, die in dem 1939 errichteten Konzentrationslager Ravensbrück als Aufseherinnen tätig waren, denken an den See als hübschen Spielplatz zurück. Das Leben an diesem Ort der Folter und des Mordes hatte für das SS-Personal, das in Häuschen untergebracht war, eine liebliche Seite. „Das müssen wir zur Kenntnis nehmen“, sagt Insa Eschebach, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, in dem von Gerburg Rohde-Dahl und Wladek Jurkow gedrehten Film „Die Aufseherin“. Wobei Insa Eschebach, die Ende dieses Monats in Ruhestand geht, hinzufügt, dass Frauen wie die Oberaufseherin Johanna Langefeld, von der die Dokumentation erzählt, ja durchaus davon überzeugt waren, „das Richtige“ zu tun.

          Sie wurde nie verurteilt

          Der Fall von Johanna Langefeld ist außergewöhnlich. Ihre Tätigkeit in Konzentrationslagern der Nazis begann schon 1938 auf Schloss Lichtenburg in Sachsen, dessen Häftlinge 1939 nach Ravensbrück kamen. 1942 war sie für einige Monate im Vernichtungslager Auschwitz eingesetzt, um dann wieder nach Ravensbrück zurückzukehren. Anders als Maria Mandl, die wie Langefeld in Lichtenburg und im Frauenlager Ravensbrück war und dann als ihre Nachfolgerin nach Auschwitz-Birkenau wechselte, wurde Langefeld nie von einem Gericht für ihre Taten verurteilt und erst recht nicht – wie „die Bestie“ Mandl nach dem Krakauer Auschwitzprozess – gehängt.

          Vielmehr wurde Johanna Langefeld 1943 von ihrem Posten abgesetzt und vom NS-Regime verhaftet, dann plötzlich wieder freigelassen, um nach Kriegsende wiederum in München von den Amerikanern festgenommen zu werden, die sie an Polen auslieferten. Und dort floh sie an Weihnachten 1946 dank der Unterstützung einiger ehemaliger Häftlinge bei einer streng geheim gehaltenen Hilfsaktion aus dem Gefängnis in Krakau. Sie kehrte erst 1957 in die Bundesrepublik zurück; sie starb 1974 in Augsburg, auch von der deutschen Justiz niemals belangt.

          Historiker wie Johannes Schwartz betonen in der Dokumentation, die mit vielen stillen Aufnahmen der Gedenkstätte Ravensbrück unterlegt ist und auch die Schwierigkeiten bei der Recherche benennt, welch prägende Rolle die Oberaufseherin Johanna Langefeld in den Lagern eingenommen habe und dass sie an den Verbrechen beteiligt gewesen sei. Auch sonst wird die Tätigkeit der überzeugten Nationalsozialistin und Antisemitin Langefeld, die sich freiwillig für den Dienst in Frauenlagern gemeldet hatte, keineswegs heruntergespielt. Auch sie prügelte Gefangene, auch sie, die in ihrer Zeit in Auschwitz „verstört“ über die Vergasungen gewesen sein soll, führte Selektionen durch, die für die betroffenen Frauen die Gaskammer bedeuteten.

          Zugleich ist der Film aber fasziniert davon, dass Johanna Langefeld einzelnen Häftlingen geholfen haben soll, erst recht von Aussagen einiger Überlebender, die ob ihrer positiven Erfahrungen mit Langefeld um ein differenziertes Bild bemüht sind. „In der Position, die sie im Lager hatte, hat sie sicher schlimme Sachen gemacht“, sagt etwa die Polin Joanna Penson. „Nur mussten wir im Lager zwischen schlecht und schlechter unterscheiden. Und was Kommandantinnen und Aufseherinnen angeht, gab es die Schlimmen, die Schlimmeren und die Sadistinnen, die Schlimmsten.“ Sie jedenfalls habe später keinen Zweifel daran gehabt, „dass gerade wir für sie eintreten sollten, denn selbst wenn sie nur ein bisschen Gutes getan hat, so unterschied sie sich doch enorm von all den anderen.“ Penson setzte sich nach der Inhaftierung von Langefeld in Krakau mit einem „Verteidigungsbrief“ für sie ein, der die als Augenzeugin verfolgte Rettung eines Mädchens durch Langefeld beschrieb. Penson wollte die für Langefeld in einem Prozess zu erwartende Todesstrafe verhindern.

          Die Filmautorin Gerburg Rohde-Dahl, Jahrgang 1938, kommt im Gespräch an dieser Stelle so sehr ins Grübeln, dass Joanna Penson ein „Verstehen Sie mich?“ nachschiebt. Rohde-Dahl antwortet höflich nickend, aber ihr leises Ja ist ein sehr nachdenkliches, gefolgt von einer Pause. Das Gehörte ist ähnlich schwierig einzuordnen, wie es schwer nachzuvollziehen ist, wenn das Kind einer Aufseherin über die Kindheit im KZ berichtet. (Die Autoren fanden bei ihrer langjährigen Recherche nicht den Sohn Langefelds, aber die Tochter einer befreundeten Kollegin, die ebenfalls auf dem Gelände lebte.)

          Immerhin: Ihrer Häftlings-Sekretärin Margarete Buber-Neumann, die von einer Wiederbegegnung mit Johanna Langefeld in ihrem 1976 veröffentlichten Buch „Die erloschene Flamme“ erzählte, vertraute Langefeld nach dem Krieg einmal an, dass sie am liebsten noch „mindestens für zwei Jahre“ ins Gefängnis gekommen wäre, „um für alle vergangenen Verbrechen zu büßen“. Gestellt allerdings hat sich Langefeld nach ihrem Umzug von Polen nach Deutschland 1957 den Untersuchungsbehörden nicht und stattdessen sehr zurückgezogen als Verkäuferin gearbeitet.

          Die Aufseherin – Der Fall Johanna Langefeld läuft um 22.45 Uhr im Ersten. Die Gedenkstätte Ravensbrück zeigt vom 8. August an eine Ausstellung über die Aufseherinnen des Lagers, die auch die Faszinationskraft der Figur der „SS-Aufseherin“ in der Populärkultur zur Diskussion“ stellen will.

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