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Rastatter Prozesse bei Arte : Im Namen der Menschlichkeit

  • -Aktualisiert am

Mit der Noblesse des Wahrheitssuchers und der Erschütterung des Humanisten: Hendrick Heutmann verkörpert den leitenden Staatsanwalt und Chefankläger Joseph Granier. Bild: Arte

In den Rastatter Prozessen wurden Verbrechen der NS-Zeit abgeurteilt. Die Verfahren sind leider viel weniger bekannt als die Nürnberger Prozesse. Eine sehenswerte Dokumentation versucht, das zu ändern.

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          Der Ort war Zufall, aber keiner ohne Vorgeschichte. So waren im Pfälzischen Erbfolgekrieg die Franzosen 1688 in das Stammland des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden eingefallen, während der im Auftrag des Kaisers erfolgreich die Osmanen im Osten zurückdrängte. Der Markgraf eilte an den Rhein zurück und bekämpfte die Armee des Sonnenkönigs. Nach dem Frieden von Rijswijk ließ er anstelle seines zerstörten Schlosses von Baden-Baden eine prächtige neue Residenz im benachbarten Rastatt erbauen, und zwar – frankophil – nach dem Vorbild von Versailles.

          Just dieses Schloss mit seiner deutsch-französischen Biographie überstand den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt und stand 1946 leer. So brachte die Militärverwaltung der französischen Besatzungszone in den stuckverzierten Barockräumen das im April 1946 feierlich eröffnete Tribunal Général unter. Auf der Grundlage des alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 10 (KRG 10) vom 20. Dezember 1945 verhandelte dieses Militärverwaltungsgericht bis 1949 erstaunliche 235 Prozesse gegen nationalsozialistische Funktionsträger und Gewalttäter, davon etwa zwei Dutzend große Strafverfahren; Revisionsverfahren fanden in Rastatt vor dem Tribunal Supérieur bis 1954 statt. Die Todesstrafe wurde dabei in 105 Fällen verhängt und 62 Mal vollstreckt. Verhandelt wurden vor allem Verbrechen, die in NS-Lagern des Südwestens an Gefangenen und Fremdarbeitern begangen worden waren. Straftaten, die während des Kriegs auf französischem Territorium stattgefunden hatten, fielen in Ausführung der Moskauer Deklaration von 1943 in die Zuständigkeit von Militärgerichten in Frankreich.

          Dass die Rastatter Prozesse trotz ihres Umfangs bis heute vor allem Fachhistorikern bekannt sind, liegt an der hundertjährigen Sperrfrist der Gerichtsakten – sie wurde erst unlängst vorzeitig aufgehoben –, aber sicherlich auch daran, dass hier im Gegensatz zu den Nürnberger Prozessen, die ein halbes Jahr zuvor mit dem aufsehenerregenden Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher begonnen hatten, eher unbekannte Erfüllungsgehilfen des NS-Regimes abgeurteilt wurden.

          Dass sich die auf Geschichtsdokumentationen spezialisierte Filmemacherin Judith Voelker nun ausführlich den Rastatter Prozessen widmet, ist daher sehr zu begrüßen. Die stets schwierige Balance aus nachgestellten Szenen, Forscherinterviews und Archivmaterial ist diesmal recht überzeugend gelungen, was daran liegt, dass die ambitioniert inszenierten Spielszenen am Originalschauplatz (im großen Ahnensaal des Schlosses) gedreht und bei den Reden vor Gericht weitgehend auf den aktenkundigen Originalwortlaut beschränkt wurden. Zugleich bleiben sie – allein schon durch die Farbigkeit – klar von den historischen Aufnahmen unterschieden.

          Hendrick Heutmann verkörpert den leitenden Staatsanwalt und Chefankläger Joseph Granier mit der Noblesse eines Wahrheitssuchers und der Erschütterung eines Humanisten. Dass die fiktive Ebene über die Prozesse hinaus in das Privatleben der jungen, noch vor ihrem Studienabschluss als Verteidigerin zugelassenen Anwältin Helga Kloninger (Stefanie Bruckner) verlängert wird, ist jedoch problematisch. Auch die Rolle des französischen Radiojournalisten (Ben Janssen), der kluge Fragen stellt oder auf die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen hinweist, wäre gerade wegen dieser Ungeheuerlichkeit wohl besser durch einen Off-Kommentar ersetzt worden. Zu loben ist hingegen die Zurückhaltung in Sachen dramatischer Musik, die in einer solchen Dokumentation immer stört.

          Inhaltlich gibt der Film einen von Historikern nachvollziehbar eingeordneten Überblick über die engagierte, kleinteilige Arbeitsweise dieses Gerichts und die vor ihm verhandelten Angelegenheiten, bei denen es sich nur selten um „Kriegsverbrechen“ im engeren Sinne handelte. Den Anfang machte der Komplex Neue Bremm, ein Terror-Ort der Gestapo, der als „erweitertes Polizeigefängnis“ firmierte. Es folgten zahlreiche Prozesse im Zusammenhang mit den diesseits der Grenze gelegenen Außen- und Ersatzlagern des KZ Natzweiler-Struthof und des Umerziehungslagers Schirmeck, die sich selbst auf dem Gebiet des besetzten Elsass befanden.

          In den Spielszenen wird diese Großperspektive eingängig auf Beispielfälle heruntergebrochen, insbesondere auf die Prozesse gegen den sadistischen Neue-Bremm-Aufseher Nikolaus Drokur (Todesstrafe), gegen den Vorarbeiter Paul Marek im „Wüste-Lager“ Erzingen (Kloninger bewahrt ihn in ihrem Gerichtsdebüt vor der Hinrichtung) und gegen den hochrangigen Adjutanten Robert Wünsch, Lagerführer in Schirmeck und Rotenfels (er kommt dank abgesprochener Fürsprachen mit einer sehr kurzen Haftstrafe davon). Die Zeit freilich arbeitete gegen das Gericht. Je enger die deutsch-französische Annäherung wurde, desto mildere Urteile wurden erwartet. In den fünfziger Jahren kamen viele in Rastatt Verurteilte durch Amnestien wieder auf freien Fuß.

          Auch wenn der Film ohne die nun zugänglichen Akten wohl ähnlich aussähe – über große Prozesse in Rastatt war sowohl in der Presse als auch im Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland berichtet worden –, gelingt es dieser Aufbereitung gut, die für alle NS-Prozesse geltende Problematik einer mit dem KRG 10 neu geschaffenen, rückwirkend geltenden Rechtsgrundlage aufzuzeigen: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, stets einer der Anklagepunkte, war erst seit dem Londoner Statut von 1945 ein völkerrechtlicher Tatbestand. Das machte es den (deutschen) Gegnern der Prozesse leicht, von „Siegerjustiz“ zu sprechen. Judith Voelker zeigt, wie man in Rastatt diesem Akzeptanzproblem begegnete: durch gewissenhafte Nachweise der individuellen Schuld der Angeklagten. Damit hat dieses Gericht nicht nur viel für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich getan, sondern langfristig auch für das moderne Völkerstrafrecht, das die Welt zu einem etwas sichereren, besseren Ort gemacht hat.

          Die Rastatter Prozesse. Kriegsverbrecher vor Gericht läuft um 20.15 Uhr auf Arte.

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