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Kriegsdoku bei Arte : „Als seien wir stärker als das Schicksal“

  • -Aktualisiert am

Zerstörung im deutsch-französischen Krieg Bild: © Bibliothèque nationale

Arte erinnert an eine Schlacht unter Nachbarn: Die dreiteilige Dokumentation „Der Bruderkrieg – Deutsche und Franzosen 1870/71“ erzählt anhand schriftlicher Quellen von einem fast vergessenen Konflikt.

          3 Min.

          Die Zahl derer, die mit dem deutsch-französischen Krieg heute noch mehr verbinden als die vage Vermutung, dass er irgendwie mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 zusammenhängt, ist einigermaßen klein. Der Blick zurück ist durch die Ungeheuerlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts verstellt, und alles vor 1914 liegt ohnehin in einer „Welt von gestern“, die mittlerweile sogar zu einer Welt von vorgestern geworden ist.

          Immerhin gibt es das Militärhistorische Museum in Dresden, das 150 Jahre nach einer deutschen Provokation, auf die eine französische Kriegserklärung folgte, an das Geschehen erinnert, wie es vor drei Jahren schon das Armeemuseum in Paris tat. Und auch bei Arte läuft man zu Hochtouren auf. Ein Themenabend schildert den Krieg in fast allen Facetten bis hin zu den Ratten, Vögeln und Zootieren, die man in Paris ob der monatelangen Belagerung durch deutsche Truppen zu essen begann.

          Wobei das Geschehen in der dreiteiligen Doku, die den Schwerpunkt des Programms bildet, von den Autoren Hermann Pölking-Eiken und Linn Sackarnd im Dienste der deutsch-französischen Freundschaft „Bruderkrieg“ genannt wird. Stichwortgeber ist Victor Hugo, der 1842 über Deutsche und Franzosen sagte: „Sie sind Brüder in der Vergangenheit. Brüder in der Gegenwart. Brüder in der Zukunft.“

          Freiwillige der Ambulanz von Turin des Italienischen Roten Kreuzes in Sedan nach dem 1. September 1870.
          Freiwillige der Ambulanz von Turin des Italienischen Roten Kreuzes in Sedan nach dem 1. September 1870. : Bild: © ICRC archives (ARR)

          Man muss Geduld für diesen Abend mitbringen: die Dokus, zu denen auch eine Sendung über Kriegsfotografien sowie eine über Kriegspanoramen gehört, ziehen sich über insgesamt viereinhalb Stunden, und bei der Faktenvermittlung geht es thematisch oft hin und her.

          Zum hundertjährigen Gedenken an den deutsch-französischen Krieg 1970 hatte die ARD noch eine siebenteilige Serie produziert, die im Stil moderner Nachrichten aufgezogen war. Peter Scholl-Latour und andere berichteten „live“. Anders als bei der damaligen Sendung, die den Krieg „mitunter so gemütlich wie die ,Gartenlaube‘“ gezeichnet haben soll, wie der „Spiegel“ anmerkte, und das Kutschke-Lied zitiert habe – „Wer kraucht dort in dem Busch herum? Ich glaub’, es ist Napolium!“ –, wird der Schrecken des Krieges bei Arte unmissverständlich greifbar.

          Grundidee der dreiteiligen Dokumentation zum „Bruderkrieg“ ist die Verdichtung des Konflikts auf drei Geschichten. Historiker wie Michael Epkenhans, Christine Krüger, Daniel Schönpflug, Robert Tombs, Julie d’Andurain und Laurent Thurnherr, der für das 2014 gegründete „Musée de la guerre de 1870 et de l’annexion“ in Gravelotte tätig ist, sind im gewohnten Stil für das große Ganze zuständig.

          Drei Geschichten als roter Faden

          Doch die drei erzählten Geschichten bilden den roten Faden und speisen sich aus drei ausführlich vorgestellten Originalquellen, eine pro Folge, ruhig verlesen durch Stimmen im Off, während die Kamera zeitgenössische Fotografien oder Landschaften und Hausfassaden von heute abfährt. Dazu nur einige Geräusche und Musik – wie im Hörspiel. So hangelt sich Teil eins an den Tagebuch-Einträgen der ebenso verliebten wie nachdenklichen Französin Geneviève Bréton in Paris entlang, deren Worte umso patriotischer werden, je näher die Deutschen ihrer Heimatstadt sind: „Ich sage allen: Wir müssen marschieren! Wir müssen handeln, als seien wir stärker als das Schicksal!“

          Teil zwei folgt den Beobachtungen des Iren William Howard Russell, der gemeinhin als erster moderner Kriegsberichterstatter bezeichnet wird. Russell hatte zuvor schon über den Krimkrieg, den amerikanischen Bürgerkrieg und den Krieg zwischen Preußen und Österreich, den zweiten „Einigungskrieg“ also, berichtet. Nun schrieb er für die „Times“ in London über einen Konflikt, der nach der Kriegserklärung Napoleons III. in traditioneller Form begann, mit der Kapitulation des französischen Kaisers in Sedan beendet schien – und doch auf die Belagerung von Paris hinauslief, mit der die Sympathien Russells wie der Weltöffentlichkeit zuungunsten der Preußen (und Bayern und Sachsen und Württemberger) kippten.

          Emotionaler Höhepunkt in Russells Schilderungen ist der Moment, in dem sich der Reporter bei Sedan über einen Gefallenen beugt, sein Notizbuch findet und ihm einen Namen und eine Geschichte zu geben versucht: „Weder Vater noch Mutter wissen so viel wie ich heute von Jules Auguste Barrilliet.“ Anschließend blättern wiederum wir im geheimen Tagebuch des preußischen Oberstleutnants Paul Bronsart von Schellendorff, der dritten Quelle, um die Ereignisse Revue passieren zu lassen, aus deutscher Warte.

          Der Themenabend ist damit jedoch nicht am Ende. Der Wert einer Reportage namens „Fotografien eines vergessenen Krieges“, die den jungen Kunsthistoriker Paul Mellenthin beim Besuch verschiedener Sammlungen begleitet, liegt in quellenkritischen Überlegungen und im Fingerzeig auf die brutal niedergeschlagene Pariser Kommune im Mai 1871.

          Vor allem ist da aber noch Rüdiger Mörsdorfs Film „Kriegspanoramen als Massenmedium“. Er beschäftigt sich einerseits mit dem Historienmaler Anton von Werner, der die Geburtsstunde des deutschen Kaiserreichs in Versailles am 18. Januar 1871 als Augenzeuge erlebte, sie pompös darstellte und in Berlin auch das riesige „Sedan-Panorama“ am Alexanderplatz schuf. Andererseits geht es um Werners französische Kollegen Jean Detaille und Alphonse de Neuville, die zur Trauma-Bewältigung ihrer Nation die Schlacht von Rezonville malten. Die Arbeitsweise der Künstler wird auch durch die Zuhilfenahme von Kostümierten verdeutlicht, wie es auch die Schlachtenmaler einst taten. Es ist das gelungenes Finale für einen Abend, der horizonterweiternd genannt werden darf.

          Der Dokumentations-Dreiteiler „Der Bruderkrieg - Deutsche und Franzosen 1870/71“ ist bereits jetzt in der arte-Mediathek abrufbar. Der erste Teil läuft am Dienstag, den 18. August um 20.15 Uhr auf arte.

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