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ARD-Doku über Flüchtlinge : Das Schicksal des Einzelnen

Ein Ausweg aus überfüllten Flüchtlingscamps liegt für viele in der Ferne: Mit legalem Visum über den humanitären Korridor nach Italien. Bild: BR/Alessandra Molinari

Eine Dokumentation stellt das Projekt des „humanitären Korridors“ vor. Der bringt Geflüchtete legal nach Europa. Doch die begehrten Visa sind knapp, die Auswahl wird zur moralischen Prüfung.

          Kein italienisches Konsulat, sondern ein überdachter Sportplatz in Shire im Norden Äthiopiens. Hier, zwischen roten Basketballkörben und verblassten Spielfeldlinien, sitzt eine Gruppe von Männern auf Plastikstühlen. Giancarlo, Oliviero und Daniele führen ein Interview mit Teklit. Der junge Familienvater berichtet von seiner Flucht aus Eritrea, davon, dass er nicht weiß, ob sein verschollener Bruder gestorben ist oder im Gefängnis sitzt. Die drei Italiener machen sich Notizen. Von ihnen hängt ab, ob Teklit und seine Familie als besonders schutzbedürftig eingestuft werden. Dann dürften sie das Camp verlassen und könnten mit einem Visum aus humanitären Gründen nach Italien fliegen. Eine Entscheidung gibt es heute noch nicht. Erst wenn Teklit ein drittes Interview hinter sich gebracht hat, wird er wissen, ob er zu Auserwählten gehört.

          Die drei mit den Westen und Notizblöcken sind keine Vertreter der italienischen Regierung. Giancarlo gehört zu der katholischen Glaubensgemeinschaft Sant’Egidio, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1968 durch den damals achtzehnjährigen Andrea Riccardi für Friedensprojekte und Armutsbekämpfung einsetzt. Mit dem Projekt des sogenannten humanitären Korridors hat sie im Libanon begonnen, um vor allem syrische Kriegsflüchtlinge legal und sicher nach Italien zu bringen. Jetzt gibt es einen weiteren Korridor in Äthiopien, das rund eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat, vorwiegend aus Eritrea, Somalia und Südsudan. Auf Drängen von Papst Franziskus ins Leben gerufen, von der Bischofskonferenz, dem Innen- und dem Außenministerium Italiens konzipiert, wird das Projekt mit vier Millionen Euro von der Caritas Italia finanziert und mitbetreut. 1800 Menschen konnten die Flüchtlingscamps in Äthiopien hinter sich lassen. Andere, wie Teklit, müssen weiter hoffen.

          „Es ist eine große Last auch für unser Gewissen“, sagt Oliviero. „Ich sehe in den Kindern hier meine eigenen Kinder.“ Sie müssen Entscheidungen treffen, abwägen, wer nach Europa kommen kann und wer nicht. Ob jemand medizinische Hilfe benötigt, verfolgt oder gefoltert wurde oder ob bereits Familienmitglieder in Italien leben und die Integration erleichtern könnten – das sind Kriterien, die für die Helfer eine Rolle spielen. Diesen Prozess schildert Ellen Trapp in ihrer Dokumentation „Legal, sicher, christlich“. Sie zeigt auf, was die Helfer motiviert und vor welche Probleme sie gestellt sind. Geflüchtete, die ein Visum erhalten, begleitet sie in ihre neuen Heimatstädte. Zum Beispiel die Tuytuys. Die zehnköpfige Familie ist 2011 aus dem Südsudan geflohen. Jetzt sitzen sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug. Es wird sie nach Sorrent an die Amalfiküste bringen. Viel wissen sie nicht über den Ort, nur was Daniele und Giancarlo ihnen vor dem Abflug erzählten. Dass die Menschen in Sorrent offen und gastfreundlich seien. Aber auch, dass die Familie ein Jahr lang von einem Paten unterstützt wird und danach selbst weiterkommen muss. Für die Eltern bedeutet das: zügig Italienisch lernen, um schnell Arbeit zu finden.

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          Der Film macht deutlich, dass die humanitären Korridore eine Alternative zu Abschottung und der gefährlichen Flucht über das Mittelmeer sein können. Auch wenn die Visakontingente zu klein sind, um allen Bedürftigen einen legalen Weg nach Europa zu ermöglichen. Das Modellprojekt findet mittlerweile Nachahmer, Frankreich und Belgien haben bereits eigene Kontingente eingerichtet. In Deutschland sollen vom kommenden Jahr an fünfhundert Visa vergeben werden. Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, führt Gespräche über eine Zusammenarbeit der Kirchen mit den Landesregierungen. Das Bundesinnenministerium, sagt Heße, halte sich zurück. Zu groß seien die Bedenken, damit einen Paradigmenwechsel in der Flüchtlingspolitik einzuleiten.

          Giancarlo sagt : „Wenn ein Christ arme Menschen trifft, kann er nie zum Bürokraten werden.“ Die Kirche hofft, dass die neue italienische Regierung an den „humanitären Korridoren“ festhält. Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega hat sich immerhin positiv über das Projekt geäußert. Ohne politische Unterstützung gehe es auch für die Caritas nicht, sagt Daniele. „Wir können nicht ersetzten, was die Länder tun müssen.“ In der Diskussion um Grenzsicherung, Transitzentren und private Seenotretter rückt die Dokumentation von EllenTrapp das individuelle Schicksal der Geflüchteten wieder in den Mittelpunkt. Sie zeigt, was der Korridor nach Europa für diejenigen bedeutet, die ausgewählt wurden, aber auch, was der Prozess für jene ausmacht, die auswählen müssen.

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