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Doku über Astronomie in China : Wenn es im fernen Osten dämmert

  • -Aktualisiert am

Gedankenaustausch: Der Jesuit Adam Schall von Bell (rechts) im Gespräch mit Fan Wenchen. Der entwickelte einen neuen Kalender mit Hilfe westlicher Methoden. Bild: Point du Jour

Hier werden mehr Themen angerissen, als Sterne am Himmel stehen: Die Arte-Dokumentation „Die Jesuiten und die chinesische Astronomie“ saust im Galopp über Ländergrenzen und Jahrhunderte hinweg.

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          Und wenn es nun einfach immer Sommer bleibt? Beim Blick auf das Fernsehprogramm wäre dagegen wenig einzuwenden: In der wohltuenden Krimipause verwöhnen uns die Sender mit Dokumentarfilmen. Mitunter schwirrt einem nach zwei Stunden aber so sehr der Kopf, dass man zum Abklingen erst einmal ins Planschbecken muss. Das ist bei der Dokumentation von Cédric Condon der Fall. Die Franzosen sind zwar als furchtlos bekannt, was das Vollstopfen ihrer Filme mit historisch-positivistischem Wissen angeht, aber wenn sich die Erzählung gleich über Morgen- und Abendland, mehrere Generationen sowie zentrale wissenschaftliche Umschwünge erstreckt, verliert man den narrativen Kern irgendwann aus den Augen. Leider stützt sich der Zweiteiler dazu noch auf wie immer etwas laienspielhaftes Reenactment, serviert an lauwarmen Experteninterviews.

          Im Mittelpunkt steht ein interkulturelles wissenschaftliches Tauziehen. Der Film handelt davon, wie sich im vormodernen China mathematisch versierte italienische Jesuiten die herrschaftsstabilisierende Bedeutung der exakten Berechnung von Himmelsphänomenen für ihre Fernost-Missionierung zunutze machten und damit eine frühe Form des westöstlichen Wissenschaftsaustauschs praktizierten. Das geht in Condons Augen nicht, ohne auf Euklids „Elemente“, auf den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, auf die vom jesuitischen Mathematiker Christophorus Clavius durchgeführte gregorianische Kalenderreform von 1582, auf die Unterschiede des von Galileo Galilei gestützten kopernikanischen Weltbilds zu dem Kompromissmodell des Tycho Brahe sowie auf die im 17. Jahrhundert erfundenen Logarithmentafeln einzugehen.

          In China hatte sich astronomisches Wissen längst etabliert

          Wirklich verwirrend wird es jedoch erst in China selbst, wo gleich eine ganze Reihe von Jesuiten die Nähe zum Kaiserhof suchte. Sie gründeten in der Verbotenen Stadt eigene Schulen der Himmelsbahnberechnung, erfuhren aber auch Zurücksetzungen. In China hatte sich längst ein umfassendes astronomisches Wissen etabliert, das frühen europäischen Modellen auf der Grundlage des ekliptikalen Koordinatensystems sogar überlegen war. Die goldene Ära der Wissenschaften in Europa sorgte allerdings im 17. Jahrhundert dafür, dass westliche, geometrisch fundierte Berechnungen genauer wurden als die chinesischen der späten Ming-Zeit. So machte man sich freilich auch Feinde, nämlich unter den traditionellen Astronomen des Landes.

          Nachdem diese im Jahr 1610 eine Sonnenfinsternis falsch vorhergesagt hatten, setzte Kaiser Chongzhen auf eine westlich inspirierte Reform des Kalenders. Dank der Hilfe des Jesuiten Johann Schreck gelang Xu Guangqi, dem Chefastronomen, nun die Berechnung der Sonnenfinsternis von 1629. Auf den Schreck wiederum folgte der Gelehrte Johann Adam Schall von Bell, der es unter dem Mandschu-Kaiser Shunzhi gar selbst zum Präsidenten des astronomischen Büros brachte, als Christ aber unter Kaiser Kangxi 1665 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde, auch wenn das Urteil unvollstreckt blieb. Der niederländische Jesuit-Astronom Ferdinand Verbiest konnte sich 1669 in einem Wettbewerb dann erneut gegen die chinesische Konkurrenz behaupten. Erst mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 endete die Kooperation im Namen des „Mandats des Himmels“.

          Einen Seitenblick wirft der Film noch auf das neue chinesische Radioteleskop FAST, was wohl die Aktualität der Forschungszusammenarbeit in Sachen ultragenauer Zeitmessung belegen soll. Doch trotz all der auf uns einprasselnden Namen und Ereignisse bleiben die spannendsten Themen an der Schnittstelle von Wissenschafts- und Mentalitätsgeschichte unterbeleuchtet: Welche kulturell-religiösen Barrieren standen dem Austausch auf dem Gebiet der Astronomie im Weg? Gab es auch einen Wissenstransfer in die Gegenrichtung? Wie reagierte die Ordensleitung in Rom auf die Nachrichten der Brüder aus der Ferne? Die letztlich nichtssagenden, lediglich der exotischen Atmosphäre dienenden Spielszenen kosten wertvolle Zeit, in der man solchen Fragen genauer hätte nachgehen können. So bleibt nur die Erkenntnis: Kein Sommer währt ewig.

          Die Jesuiten und die chinesische Astronomie läuft heute, Samstag 28. Juli, um 20.15 Uhr auf Arte.

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