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Doku-Serie bei Amazon : So toll ist es also bei der „Bild“

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Die nächste Schlagzeile? Besprechung in der „Bild“-Redaktion.
Die nächste Schlagzeile? Besprechung in der „Bild“-Redaktion. : Bild: Christoph Michaelis

Die „Bild“-Redaktion, das wird deutlich und überrascht wenig, ist eine hochmotivierte Truppe in Daueralarmbereitschaft. Wenn man aus dem Fenster Qualm über Berlin sieht, gehen alle Lampen an: Brennt das Stadtschloss? Sind schon Reporter vor Ort? Es brennen dann nur zwei Teerkocher. Die Begleitung von „Bild“-Polizeireportern erinnert an Blaulicht-Dokus im Privatfernsehen. Zudem sehen wir der Entstehung typischer „Bild“-Storys zu. Mal geht es um den thailändischen König, mal um Kinderschänder. Spannender wird es, wenn der auch intern keine Kritik scheuende Paul Ronzheimer im Bild ist. Der stellvertretende Chefredakteur liefert die relevantesten Reportagen des Hauses. Zu sehen ist er hier in der Ukraine, in Österreich und auf Lesbos. Er war schon an zahlreichen Fronten.

Überlagert aber wird das alles vom Großthema Corona. Interessant ist daran vor allem der jetzt mögliche Hintergrundblick auf die Entstehung des öffentlichen Streits mit Christian Drosten, dem „Bild“ im Mai nur eine Stunde Zeit für eine Stellungnahme zu einer unseriösen Attacke auf seine Arbeit gab, was Drosten inklusive der Handynummer des zuständigen Journalisten erbost bei Twitter publizierte. Zu sehen ist nun, wie sehr Reichelt schon zuvor in den Konferenzen Stimmung gegen die Virologen gemacht hat. Als „komischen Wuschelkopf“ bezeichnet er Drosten, als „Mensch ohne jede Relevanz“ Karl Lauterbach. Weil ihre Einschätzungen sich mehrfach änderten, sei das alles „keine Wissenschaft“ (dabei ist es das genau deshalb). Es stört Reichelt, dass Fachleute in dieser Krise Einfluss auf die Politik ausüben, was offenbar nur der „Bild“ erlaubt sein soll. Die Redaktion selbst zeigt sich in der Frage gespalten. Interessant ist, wie sehr die massive öffentliche Kritik die Mitarbeiter zu treffen scheint. Reichelt reagiert darauf mit einer eigentümlichen Diagnose: „Die meisten, die hier arbeiten, bewegen sich halt in Milieus, die die ‚Bild‘-Kritik sehr dankbar aufnehmen und weiterverbreiten.“

Das führt zu der Haupterkenntnis, die diese mühsam anzuschauende Produktion ermöglicht. Man sieht, dass selbst der auf Angriff und Alarm gebürstete Reichelt nicht herumzureißen vermochte, was schon unter seinen Vorgängern zu beobachten war: dass die „Bild“-Zeitung ein Milieuproblem hat. Eine Crew von jungen, gut ausgebildeten, witzigen und weltanschaulich offenen Journalisten, die dann vor allem reißerische Storys produzieren, das wirkt nicht nur wie eine Vergeudung von Talent, sondern – weil man dann eben doch nicht puren Stammtisch liefert – im Ergebnis auch austauschbar (und tatsächlich haben einige der Porträtierten die Redaktion bereits wieder verlassen). Dass die „Bild“ längst nicht mehr das rechtskonservative Agitationsblatt ist, gegen das Linke von Heinrich Böll bis Wiglaf Droste Sturm liefen, ist keine neue Einsicht. Unter Reichelt aber weiß man heute noch weniger, wofür die „Bild“ denn politisch, gesellschaftlich und journalistisch steht – außer für die Neuigkeit an sich. Wie der Chef sagt: „Da sein, wo es gerade geschieht“. Es ist für Politiker damit sehr leicht, dieses Medium mit durchgesteckten Informationen in eigener Sache zu nutzen.

Um noch schneller zu werden, treibt man den Umbau zu „Bild live“ voran, aber leere Akzeleration allein wirkt eben vor allem: leer. Welche Rezipienten will man erreichen? Wie sehr muss oder kann man sich von der alten „Bild“-Ideologie absetzen, ohne jede Kontur zu verlieren? Schließlich ist das ganze Internet ein Boulevard. Zugleich wirkt es hier mitunter, als spielten Ironiker Boulevardjournalismus, an den sie selbst nicht wirklich glauben. Das Problem schlägt durch bis auf die distanzlose, die Methoden des B-Journalismus nicht hinterfragende Reality-Doku, die so ganz anders geworden ist als die von der Idee her ähnliche, aber dann hervorragend über Medien und Gesellschaft nachdenkende „New York Times“-Dokumentation „Mission Wahrheit“ (2018) von Liz Garbus. Hier dagegen: Mission Selbstverliebtheit, viele Stunden lang.

Bild. Macht. Deutschland? ist von heute an bei Amazon Prime abrufbar.

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