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Doku-Serie „Bräuteschule 1958“ : „Das ist hier wie im Knast“

  • -Aktualisiert am

Die Zeitreise beginnt: zwei Kandidatinnen verwandeln sich in Bräuteschülerinnen Bild: ARD/Andrea Enderlein

Sie waren bereit, sechs Wochen so zu tun, als würden sie auf einer Hauswirtschaftsschule 1958 zur Ehefrau ausgebildet. Und haben es schon am ersten Tag bereut. Das Erste zeigt „Bräuteschule 1958“ - aufgewärmt und abgeschmackt. Genug der „Living History“-Projekte der ARD.

          Was die Programmmacher im Ersten sich derzeit alles für ihren Vorabend einfallen lassen: Sprechende Amor-Statuen! Sprechende Kühlschränke! Und jetzt auch noch ein sprechender Drache, der ungemütlich wird, wenn das Bett nicht richtig gemacht ist oder der Tisch nicht korrekt gedeckt. „Hausdrache“ nennen die Mädchen auf Schloss Soonwald ihre Lehrerin, die den Schülerinnen zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahren Ordnung, Disziplin und Anstand beibringen soll.

          Alle haben sie eingewilligt, sechs Wochen so zu tun, als lebten sie im Jahr 1958, um auf der Hauswirtschaftsschule nachzuempfinden, wie schwer es frühere Generationen hatten - und alle haben sie es schon am ersten Tag bereut. Das neueste Zeitreise-Experiment der ARD soll wieder einmal zeigen, wie gut es uns heute geht mit den vielen Freiheiten und dem technischen Fortschritt. Aus Sparsamkeit nur einmal die Woche duschen? Das ist für die angehende Hotelfachfrau oder die Sportstudentin unvorstellbar. Ständig brennen die Kohlrouladen an, in der Kammer liegen fünf verschiedene Putzlappen für diverse Aufwischzwecke, und abends werden die Schlafräume nach verbotenen Zigaretten kontrolliert. Die Mädchen sind sich einig: „Das ist hier wie im Knast.“

          Lehrreich: Wie Gebührengelder versenkt werden

          Langsam ist es genug mit den „Living History“-Projekten der ARD. Bei der „Bräuteschule“ hat man jedenfalls den Eindruck, es gehe bloß darum, zu zeigen, wie verweichlicht und verkommen die Jugend von heute sei. Einmal kämpft auch die Direktorin mit den Tränen, weil ihre eigene Tochter zur Sprecherin der Schülerinnen gewählt wurde und Pausen aushandeln soll. Die Mutter aber muss hart bleiben, wie es die vom Sender vorgegebene Rolle verlangt - „ihre schwäbische Pingeligkeit werden die Mädchen noch zu spüren bekommen“, raunt die Off-Stimme zu Beginn der ersten Folge.

          Geschafft: Kandidatin Julia Otten sieht aus wie einst

          Vor anderthalb Jahren hat das ZDF mit „Die harte Schule der 50er“ schon einmal ein sehr ähnliches Projekt auf Sendung geschickt, in der sich die Macher noch um einiges zynischer über die verwöhnten Jugendlichen empörten. Dieses Vorführfernsehen ist gar nicht gut in Erinnerung geblieben. Dass die ARD das nun noch einmal aufwärmt (und nicht viel besser macht), ist zwar lehrreich - aber nur, wenn man wissen will, wie für fragwürdige Vorabendreihen Gebührengelder versenkt werden.

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