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Doku-Drama „George“ : Die unbegreifliche Bekehrung

Szene aus dem Doku-Drama: Im Lager Hohenschönhausen spielen Heinrich George (Götz George) und Ernst Konstantin (Robert Dölle) Faust und Mephisto Bild: SWR/Thomas Kost

Das Doku-Drama „George“ hatte den Charakter eines nationalen Fernsehereignisses. Es zeigt, wie schwierig es ist, Bekehrungen wie die des Schauspielers Heinrich Georges zum Nationalsozialismus für ein heutiges Fernsehpublikum plausibel zu machen.

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          Zwei große Schauspieler der NS-Zeit sind in Erinnerung: Gustaf Gründgens, fein, intellektuell, als Hamlet wie als klug-ironischer Verführer Mephisto in den ihm geradezu auf den Leib geschnittenen Rollen - daneben und dagegen aber Heinrich George, saftig, prächtig, populär, dessen Paraderolle der Götz von Berlichingen war, ein Mann, der in Goethes Sturm-und-Drang-Drama in die Wirren des Bauernkriegs gerät. Wir waren mit Menschen bekannt, die Heinrich George noch auf der Bühne erlebt hatten. „Selbst wenn er nur geschnauft hätte, wäre man gebannt gewesen.“ Sein Ende war elend, er starb entkräftet mit nicht einmal dreiundfünfzig Jahren in einem sowjetischen Lager, das auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen geführt wurde. Die Anklage war absurd, Anlass für die Verhaftung war eine Denunziation - ausgerechnet von einem Schauspieler, den George am Schiller-Theater geschützt hatte.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber die Sowjets mochten eine Rechnung mit ihm zu begleichen haben. Denn vor 1933 galt George als Parteigänger der Linken, bei Kundgebungen der Kommunisten hatte er gesprochen. Sogar mit Brecht hatte er arbeiten wollen, aber das scheiterte an beiderseitigen Wutausbrüchen. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit kam 1933 für manchen überraschend seine tragende Rolle in dem Propagandafilm „Hitlerjunge Quex“. Und es konnte scheinen, als habe George sich selbst gespielt, als er am Schluss des Films, als SA vorbeimarschiert, die geballte Kommunistenfaust öffnet und, zögernd erst und dann überzeugt-entschlossen, den Hitlergruß entbietet.

          Eine Frage, die ungeklärt bleibt

          Der Film, der schlicht „George“ heißt und jetzt in der ARD zu sehen war, hat große und bewegende Augenblicke. Götz George, den heutigen Deutschen so lieb wie sein Vater den Deutschen vor siebzig Jahren, hat manche Züge mit dem Alten gemeinsam. Dass er ihn nun spielt, muss die Erfüllung eines langgehegten Traumes sein. Weil der Film durchaus den Charakter eines nationalen Ereignisses hat, muss sich die Kritik auf den Kern konzentrieren.

          Götz mit seinen Eltern Berta Drews und Heinrich George, 1943

          Man hätte auf den „Götz von Berlichingen“ selbst zurückgehen können: Gerade dieses Stück hat einen nationalen und zugleich einen rebellischen Gehalt, aus dessen Widersprüchlichkeit sich Hinweise auf Heinrich Georges politischen Weg gewinnen ließen. Die Schwierigkeiten aber, Bekehrungen wie die des Schauspielers für ein heutiges Fernsehpublikum irgendwie plausibel zu machen, sind unüberwindlich. Deshalb gerät an Stellen, wo es um das Bekenntnis zum neuen Regime geht, Götz George regelmäßig ins Stottern. Er habe doch nur spielen, künstlerisch tätig sein wollen. Die Frage, warum es unter den ehemaligen Kommunisten, aber auch unter nonkonformistischen Künstlern - hier wären Ernst Barlach und Mies van der Rohe zu nennen - solche gab, die sich mit dem neuen Regime nicht nur arrangierten, sondern ihm ihre Loyalität aussprachen, bleibt ungeklärt.

          Um eine Generation versetzt

          Zeitgeschichtliche Fernsehsendungen haben oft ein durchschaubares Muster, das man mit dem Schlager vergleichen kann. Ein paar Töne erklingen, dann kann man sich die folgende Melodie ausmalen. Man wird das aber nicht historische Aufklärung nennen. Und keineswegs wirft nur die Haltung jener Menschen Probleme auf, die, wie George, der NS-Rhetorik glaubten. Von Widerstandskämpfern wie Philipp von Boeselager weiß man, dass das Abhängen der Kreuze in den Schulen eines der Motive war, die ihn in die Opposition führten. Oder man denke an den Schwur des Grafen Stauffenberg einige Wochen vor dem 20. Juli, in dem er sich für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit aussprach, um dann hinzuzufügen: „Wir verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge.“ Oder an die Flugblätter der „Weißen Rose“ in München, die den Krieg als atheistisches Unternehmen anprangerten und die Menschen warnten, sich von den „Mächten höherer Ordnung“ loszusagen und den „Dämonen“ anheimzufallen. „Hat dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen?“, hieß es im vierten Flugblatt. Leicht könnte man aus den Äußerungen des Widerstandes eine Schrift montieren, bei welcher der Verfassungsschutz und die Bundeszentrale für Politische Bildung hellhörig würden. Karl Heinz Bohrer hat in der Rede, die er in Plötzensee zum Gedenken an den 20. Juli hielt, ähnliche Beobachtungen gemacht.

          Vater und Sohn

          Über das Verhältnis von Götz George zu seinem Vater ist die beste Quelle „Kolberg“, der berüchtigte Durchhaltefilm der letzten Stunde, gedreht von Veit Harlan, der auch „Jud Süß“ zu verantworten hatte. Eine Stadt widersteht im Alleingang Napoleons Truppen. Frappierend ist dabei nicht die propagandistische Absicht. Sondern dass man beim Wiedersehen glaubt, die Figuren zu kennen. Heinrich George spielte den Bürgervertreter Nettelbeck: einen Populisten, einen Mann, der weiß, welche Sorgen das Volk drücken - und dass die geregelte, bürokratische Stadtverwaltung nicht versteht, was die Stunde verlangt. Nettelbeck gerät in Rage, haut auf den Tisch, redet Klartext, verärgert über das untätige, zögernde bürgerliche Wesen. Er ist, mit einem Wort, Schimanski, um eine Generation zurückversetzt. So nah, so fern.

          Götz George als Schimanski bei „Tatort“-Dreharbeiten im März 1998

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