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Dokumentarfilm auf Arte : Hier kommt niemand raus

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Kleine Zellen, entnervte Wachen und marode Gebäude: Der Film „Das Gefängnis - ein Narrenschiff“ zeigt, wie psychisch gestörte Häftlinge in einem Gefängnis im Südwesten Brüssels leben. Am schlimmsten ist nicht das Eingesperrtsein.

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          Die Haftbedingungen im Gefängnis von Forest, einem 1910 gebauten Backstein-Bau im Südwesten von Brüssel, sind berüchtigt. Das Gebäude ist renovierungsbedürftig, die Zellen sind klein und überbelegt, die Wachen entnervt, und Besserung steht kaum in Aussicht, bevor das geplante Supergefängnis in Haren irgendwann steht. Wobei man diskutieren kann, ob ein Großgefängnis auch große Fortschritte bringt. Für die psychisch kranken Insassen im Anbau sind neue Anstalten wie das 2014 eröffnete Forensisch-Psychiatrische Zentrum in Gent vorgesehen. Wie es ihnen dort wohl ergeht? In ihrem Dokumentarfilm „Das Gefängnis - ein Narrenschiff“ verzichten Patrick Lemy und Eric D’Agostino auf einordnende Worte zur belgischen Gefängnisdebatte. Sie schließen den Zuschauer in jenem Annex von Forest ein, in dem Täter untergebracht sind, die für unzurechnungsfähig erklärt wurden.

          Verwahrt hinter elf gepanzerten Türen, warten sie auf die nächste Begegnung mit einer Kommission, die ihnen theoretisch etwas Freiheit geben kann. Oder auch nur auf einen, der ihnen zuhört. Wer bislang nicht verrückt war, der wird es hier. Der Mann, den sie den „Schreiber“ nennen, weil er anderen bei der Korrespondenz hilft, sagt es poetischer: „Wenn du nicht genügend Phantasie hast, um all dem zu entfliehen.“ Dabei schaut er auf seinen Zimmergenossen, der resigniert auf dem Etagenbett liegt und die Decke über die Augen gezogen hat: „Man muss sich seinen eigenen Freitag erfinden, um nicht verrückt zu werden.“ Er fühlt sich wie Robinson Crusoe.

          Erzwungenes Zusammenleben

          Was mit ihm genau geschah, erfahren wir nicht. Auch bei anderen Insassen werden die Anlässe für die Verwahrung in Forest selten so konkret benannt wie bei einem Graubärtigen, der viel Energie darauf verwendet, seine Toastscheiben im Sonnenlicht am Fenster auszubreiten. Man hält den hageren Tierliebhaber für nicht gestörter als andere auch, bis er beiläufig sagt: „In meiner ersten Nacht in Haft war ich der glücklichste Mann der Welt.“ Er ist ein Mörder, der an Wahnvorstellungen leidet und eine Fremde mit dem Messer zerlegte.

          Allerdings hat auch er Anspruch auf bessere Bedingungen als diese und eine Therapie, die ihren Namen wert ist. Die „Internierten“, die der Film über eine stille Aneinanderreihung deprimierender Momentaufnahmen porträtiert, leben zu zweit (manchmal zu dritt) in fahl beleuchteten Zimmern, ab und zu kommt der Mann mit den Pillen vorbei. Was es an Beschäftigungsangeboten gibt, scheint sich in stupidesten, lächerlich entgoltenen Arbeiten, Kicker-Spielen auf dem Flur und Aufenthalten im Innenhof zu erschöpfen. Der wird auch durch die aufgemalten Dorfhäuser an der Wand nicht größer und grüner.

          Das Schlimmste, sagt der Mann mit den Toastscheiben, ist nicht das Eingesperrtsein, sondern das erzwungene Zusammenleben mit Zellengenossen, die man nicht ausstehen kann. Und die Perspektivlosigkeit, will man hinzufügen. Denn sosehr diese Menschen von schlichten, elementaren Dingen wie der Geborgenheit träumen, die eine Familie zu spenden vermag: Die Chancen sind schmal, zeigt der Film.

          Bedauerlicherweise sollen in ihm allein die psychisch Kranken und eine überforderte Aufsicht auftreten, der die traurigen Zustände ins Gesicht geschrieben stehen. Der Empathie des Zuschauers ist das zuträglich. Doch hätte es dem Anliegen, einen Film aus der Perspektive der Betroffenen zu machen, keinen Abbruch getan, wenn auch diejenigen besucht worden wären, die das Geschilderte zu verantworten haben oder gar aufzeigen können, wie ein humaner Maßregelvollzug auszusehen hat.

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