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Doku auf 3sat : Bildnis des Patrioten als Mäzen

Spielszene aus der Doku „Der Mann, der Nofretete verschenkte“: Ankunft der Kostbarkeit bei James Simon im Jahr 1913 Bild: ZDF

Eine fabelhafte Dokumentation erinnert an den jüdischen Großbürger und Berliner Baumwollmillionär James Simon, den wichtigsten Kunstmäzen der deutschen Kaiserzeit.

          James Simon war der wichtigste Kunstmäzen des kaiserzeitlichen Berlin. Fast jeder kennt zwei der vielen Werke, die er der Museumsinsel gestiftet hat: das Ishtar-Tor, von 1899 an ergraben in Babylon von Robert Koldewey, dessen Arbeit Simon als Vorsitzender der Deutschen Orient-Gesellschaft finanzierte; und die Büste der Nofretete, 1912 in Tell el-Amarna von Ludwig Borchardt bei einer Grabungskampagne gefunden, die Simon aus eigener Tasche bezahlte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und wenn man durch den prunkvollen Kunsttempel geht, den der kaiserliche Sammlungsdirektor und Simon-Vertraute Wilhelm von Bode 1904 am Nordrand der Museumsinsel eröffnete, begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt: den Skulpturen aus Gotik und Renaissance, die der Baumwollmillionär Simon dem damaligen Kaiser-Friedrich- und heutigen Bodemuseum schenkte. Ein Stifter, wie ihn sich jedes Land wünscht.

          Zugleich aber ist James Simon tief vergessen, so restlos aus dem Bewusstsein der Nachwelt gelöscht, wie es sich selbst der bescheidene und öffentlichkeitsscheue Großbürger S. in seiner Villa am Tiergarten niemals vorgestellt haben kann. Das liegt daran, dass Simon, Spross einer ungewöhnlich erfolgreichen Kaufmannsfamilie, Jude war. Zwar starb er selbst 1932, aber seine Kinder und Enkel wurden von den Nationalsozialisten verfolgt - und überlebten die Jahre der Vernichtung wohl nur dank des Respekts, den der Name des Stifters der Nofretete bei Hitler immer noch genoss. Nach dem Krieg indes hatte es die geteilte deutsche Kunstnation nicht eilig, sich an James Simon zu erinnern. Bis heute trägt keine Straße, keine Schule in Berlin seinen Namen.

          Im kulturellen Kollektivgedächtnis angekommen

          In den sechziger Jahren erschienen ein paar Aufsätze über ihn, zehn Jahre nach der Wiedervereinigung die erste Biographie. Seither fließt das Simon-Schrifttum stetig weiter; von der „Kunst des sinnvollen Gebens“ spricht ein 2011 erschienenes Buch. Und auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hüterin der Museumsinsel, hat ihren Mäzen wiederentdeckt: Nach Sammelbänden und Symposion zu Ehren Simons wird das neue Eingangsgebäude am Kupfergraben seinen Namen tragen.

          Mit Carola Wedels dreiviertelstündigem Fernsehfilm über den „Mann, der Nofretete verschenkte“ ist James Simon nun hoffentlich endgültig im kulturellen Kollektivgedächtnis angekommen. Es ist ein Porträt, das den Porträtierten hauptsächlich mit Hilfe von Archivmaterial zu fassen versucht.

          Denn von Simon und seiner Familie selbst sind nicht mehr als acht private Aufnahmen überliefert; ein Gemälde, das im James-Simon-Kabinett des Bodemuseums hängt und den Stifter an seinem Arbeitstisch mit der Nofretete-Büste zeigt, bietet der Kamera Anschauungsmaterial und der Autorin eine Vorlage für nachinszenierte Szenen im „Terra X“-Stil, deren leicht plüschiges Pathos man um der Wahrheitsfindung willen wohl oder übel erträgt.

          Noch wichtiger sind - neben den Interviews mit Historikern und Zeitzeugen wie Simons Urenkelin Irene Bader - die historischen Film- und Fotoaufnahmen, die Carola Wedel gefunden hat. Sie sind so geschickt in die Darstellung einmontiert, dass es keine Rolle spielt, ob der Junge, der da vor einer Berliner Schultafel steht, wirklich James Simon oder ob die im Film gezeigte Reformsynagoge dieselbe ist, in der sich Simon für ein weltoffenes Judentum engagierte.

          Dies alles fügt sich zum Lebensbild eines jener „Kaiserjuden“, die wie Albert Ballin und Walter Rathenau Kunstsinn und ökonomischen Erfolg mit Patriotismus und Treue zur Monarchie verbanden. Dass diese Gesinnung in der von Parteikämpfen zerrissenen Weimarer Republik keinen Ort mehr fand, war die Tragödie Simons wie des jüdischen Großbürgertums insgesamt. In den zwanziger Jahren, als er seine bedeutendsten Stiftungen an die Berliner Museen machte, ging es mit Simons Handelsfirma rapide bergab, zuletzt ließ er Kunstwerke versteigern, um den Pensionsfonds des Unternehmens zu retten.

          Seit 1927 wohnte Simon in einem bescheidenen Apartment in der heutigen Bundesallee, in dem seine wilhelminischen Möbel plump und überdimensioniert wirkten; heute erinnert dort eine Schrifttafel an ihn. Seine letzte öffentliche Intervention war ein Brief an den preußischen Kulturminister, in dem er sich für die Rückgabe der Nofretete-Büste an Ägypten verwendete.

          Die Dargestellte sei zwar „eine schöne Frau“, doch solle man „in Kunstdingen“ sich davor hüten, „auf den Geschmack des Publikums zu viel zu geben“. Am Ende setzte sich das Publikum durch. Aber ohne James Simon hätten die Deutschen nie eine Gelegenheit gehabt, sich in Nofretete zu vergucken. Daran kann man im Jubiläumsjahr der Grabung gar nicht oft genug erinnern.

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